Kinder vertreiben das Klassikmonster

Kinder vertreiben das Klassikmonster

Beim Tag der offenen Tür geht es um mehr als Spaß für die Kleinen und die Großen: Die Luxemburger Philharmonie versucht, mit verschiedenen Programmen immer wieder neue Zuschauer zu gewinnen.

Luxemburg. Marcel hat Verstärkung dabei. Ein Plastik-Batman liegt auf seinem Schoß, während der Junge mit großen Augen auf die leere Bühne des Grand Auditorium der Luxemburger Philharmonie starrt, wo gleich etwas passieren soll. Soll Batman das Klassikmonster vertreiben? Dieses Gespenst, das nur gediegenes, älteres Publikum in die Konzertsäle lässt und bei anderen Angst verbreitet. Wenn es diesen Geist gibt, dann hat Batman jetzt Pause. Denn das Vertreiben haben die Besucher übernommen: mit Rucksäcken, Schnullern, Zahnspangen und Turnschuhen.
Ein Vater schuckelt sein Baby, auf einem der Balkone testet ein Mädchen die Belastungsfähigkeit der Balustrade mit ihren Füßen, Dutzende Handys werden gezückt, um den Saal zu fotografieren, der nur einmal im Jahr ein solch geordnetes Chaos erlebt. Am Tag der offenen Tür. Dann strömen, wie heute, 3500 Besucher in das Haus am Kirchberg, um bei der "Orchestermania" kostenlos auf Tuchfühlung mit der Klassik zu gehen - frech und fröhlich.
So wie Malte Arkona, der durchs Programm mit dem Orchester der Philharmonie Luxemburg (OPL) führt. Da wird die Kesselpauke mit einem Suppentopf verglichen, und Orchestermusiker Csaba Szalay muss erklären, warum sein Instrument, die Kontrabassposaune, "so komisch aussieht". Auch auf dem Flur und in den anderen Sälen und Räumen sucht man das Klassikmonster vergeblich.Programme in vier Sprachen


Dafür haben die Organisatoren gesorgt: mit Kinder-Programmen für alle Altersgruppen und in vier Sprachen. Das Angebot - von musikalischen Märchenaufführungen über einen Orchesterführerschein-Kurs, einen Percussion-Workshop, ein Quiz mit Klängen aus der Natur, Instrumentenvorstellungen in den Garderoben der Musiker bis zum Spiel auf einem riesigen Xylophon - wird reichlich genutzt. Derweil greifen die Erwachsenen zu den Programmheften, in denen die Philharmonie beschreibt, was sie für ihr Publikum von morgen tut. Denn das Haus, das in der Spielzeit 2015/16 mehr Besucher hatte als zuvor - 15 Prozent davon aus Deutschland - und nun an der 200 000er-Marke kratzt, ruht sich nicht auf den Lorbeeren aus. "Wir versuchen immer wieder, auch neue Besucher anzusprechen", sagt François Kremer, Pressesprecher des Hauses. "Neben den kostenlosen Begleitheften, die bei jedem Konzert verteilt werden, gibt es Einführungsveranstaltungen, Backstage-Videos und Künstlerinterviews."Den Einstieg erleichtern


Und: Es gibt neben der Klassik auch den Bereich Jazz, Pop und Weltmusik sowie ein altersgerechtes Kinder- und Jugendprogramm in vier Sprachen. Dafür, so Kremer, arbeite die Philharmonie eng mit Schulen zusammen. Auch für Erwachsene mit Schwellenangst wird der Einstieg erleichtert - mit kostenlosen Lunch-Konzerten in der Mittagspause oder 60-Minuten-Konzerten, bei denen ein Moderator ein symphonisches Werk erklärt, live begleitet vom OPL. "Man muss kein Kenner sein, um ein klassisches Konzert genießen zu können." Also gibt es gar kein Klassikmonster? Für Josette Welter von den Freunden des OPL (Les Amis de l'OPL) sicher nicht. Sie liebt Klassik, ebenso wie ihre etwa 800 Mitstreiter im Verein, der Menschen den Zugang zur Musik erleichtern will. Durch geführte Konzertreisen, gemütliche Matineekonzerte und den guten Kontakt zu den Musikern des OPL, der noch enger werden könnte, würde man bei der heutigen Tombola den Hauptpreis gewinnen - eine Konzertreise mit dem OPL nach Wien. "Kann man aber auch mit uns machen. Nur: Dann kostet es natürlich was", sagt Welter und zwinkert.
Er muss das sicher nicht: Chefdirigent Gustavo Gimeno. Aber nicht der Gedanke daran bereitet ihm im Moment einen Heidenspaß, sondern der Workshop mit denjenigen, die am Glücksrad bei "Become a Maestro" (Werde ein Maestro) gewonnen haben und das OPL bei Mozarts Kleiner Nachtmusik dirigieren dürfen. Am besten schlägt sich Michael, der sogar Szenenapplaus erntet, obwohl er noch nie dirigiert hat. "Wir sprechen später. Ich habe einen Job für dich", sagt Gimeno. Ob sich die kleine Rebecca, die sich erst nach viel gutem Zureden Gimenos auf die Bühne traut, später für einen Job im Musikbetrieb entscheiden wird? Wer weiß. Zumindest das Klassikmonster hat sie schon mal besiegt. Ganz ohne Batman.Extra

Wie sieht der durchschnittliche Konzertbesucher aus? Er ist schwer zu definieren. Das Publikum ist demnach ähnlich bunt wie das Programm. Die Philharmonie möchte mit ihrem Programm unterschiedlichste Leute ansprechen. Zu einem Orchesterkonzert kommt ein anderes Publikum als zu einem Jazzabend oder einem Yoga-Konzert. Welche Angebote gibt es für Menschen mit kleinem Geldbeutel? Die Preiskategorien sind so gestaltet, dass es grundsätzlich zu jedem Konzert auch günstigere Karten gibt. Jungen Leuten unter 27 gewährt die Philharmonie zudem eine Ermäßigung von 40 Prozent auf Tickets und Abonnements. Die "Lunch Konzerte" sind kostenlos. Ich hörte, es sei für deutsche Besucher manchmal schwierig, an Konzertkarten zu kommen. Liegt es daran, dass es zu große Kontingente für Sponsoren gibt? Bei Konzerten mit prominenten Orchestern oder Dirigenten kommt es zum Start des Vorverkaufs schon mal zu einem Ansturm auf unser Ticketbüro, der dazu führen kann, dass die Karten schnell vergriffen sind. Es lohnt sich jedoch, am Tag des Konzerts zur Abendkasse zu kommen, dort werden auch bei ausverkauften Konzerten immer noch Restkarten und Stehplatz-Tickets verkauft. utz

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