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Faktencheck: Video macht falsche Angaben zu Todesursachen - Statistisches Bundesamt: «fehlerhaft interpretiert»

Faktencheck : Video macht falsche Angaben zu Todesursachen - Statistisches Bundesamt: «fehlerhaft interpretiert»

Dass Corona-Tote angeblich gar nicht an Covid-19 gestorben sein sollen - diese Behauptung geistert seit Monaten durch die sozialen Medien.

Seit Mitte Juli 2021 etwa wird in einem Video (archiviert) mit Blick auf die offiziellen Todeszahlen des Jahres 2020 behauptet: Anhand der Daten des Statistischen Bundesamtes könne man Kanzlerin Angela Merkel, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dem Berliner Virologen Christian Drosten und dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, «Betrug bei Todesursachen» nachweisen.

Bewertung: Falsch. Das Statistische Bundesamt sieht seine eigenen Berechnungen im verbreiteten Video als «falsch interpretiert» an. Die Corona-Toten werden nicht aus zuvor anderen Todesursachen-Kategorien gebündelt.

Fakten: In dem 18-minütigen Video will der Verfasser angeblich darlegen, dass diejenigen, die als Covid-19-Tote deklariert wurden, in Wahrheit aus anderen Todesursachen-Kategorien entnommen sind. Es wird damit suggeriert: Die Daten des Statistischen Bundesamtes belegten, dass Sterbefälle, die nichts mit Covid-19 zu tun hätten, als Corona-Tote erfasst werden.

Grundlage der im Video aufgestellten Behauptung ist die Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2020. Die Behörde stellte am 8. Juli 2021 erste vorläufige Ergebnisse vor. Der Verfasser des Videos vergleicht anhand dieser Daten die Zahl der Fälle für einzelne Todesursachen in den Jahren 2020 und 2019 - also beispielsweise, wie viele Menschen jeweils an Krankheiten des Kreislaufsystems gestorben sind oder an psychischen Störungen und Verhaltensstörungen. Covid-19 gilt dabei als eigene Todesursache.

Für seinen Vergleich rechnet der Verfasser des Videos die vorläufigen Todeszahlen des Statistischen Bundesamtes für 2020, die seinerzeit noch nicht vollständig vorliegen, hoch auf das Gesamtjahr. Damit stellt er fest: 2020 seien mit Blick auf die bekannten Todesursachen (außer Covid-19) 39 561 Menschen weniger gestorben als 2019. Dieser Wert sei etwa genauso hoch wie die mehr als 41 500 Menschen, die nach RKI-Angaben an Covid-19 gestorben seien.

Daraus schließt der Verfasser des Videos, die Toten seien zu Covid-19-Toten umcodiert worden. Wörtlich sagt er: «Wir können zum ersten Mal statistisch belegen, dass die Covid-Toten keine neuen Toten sind. (...) Es sind (...) Tote, die aus anderen Kategorien abgezogen wurden, um in einer neuen Kategorie gebündelt zu werden.»

Weitere Belege neben den Daten des Statistischen Bundesamtes führt das Video allerdings nicht an. Doch belegt die Todesursachenstatistik die aufgestellte Behauptung überhaupt nicht.

Der Pressesprecher des Statistischen Bundesamtes, Florian Burg, erklärt auf Twitter: Mit der Todesursachenstatistik könne «NICHT belegt werden, dass Ursachen für #Sterbefälle im Jahr 2020 einfach umcodiert worden sind. Schon gar nicht kann daraus der Schluss gezogen werden, dass Covid-19 als #Todesursache nicht existiert» (Schreibweise wie im Original).

Burg führt weiter aus, die Daten seiner Behörde würden im Video «fehlerhaft interpretiert». Bedeutend sei etwa, dass die Werte der vorläufigen Todesursachenstatistik noch nicht die gesamten Zahlen von November und Dezember umfassten. In diesen beiden Monaten wurden nach Angaben des RKI aber besonders viele Covid-19-Todesfälle gemeldet.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Für die Behauptung, dass eine gewisse Anzahl an Toten im Jahr 2020 einfach in einer neuen Kategorie namens Covid-19 «gebündelt» werden, liefert das Video keine Belege. Die Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen dies gerade - anders als im Clip behauptet - nicht.

Selbst wenn man über die genannten methodischen Mängel hinwegschaut, zeigt die Analyse im Video lediglich, dass 2020 weniger Menschen aufgrund anderer Todesursachen als Covid-19 gestorben sind als 2019. Dies kann jedoch viele Gründe haben, etwa medizinischen Fortschritt, eine steigende Lebenserwartung oder die Wirksamkeit der Corona-Hygieneregeln auch für andere Todesursachen als Corona. Diese Faktoren sind Burg zufolge im Video «völlig unberücksichtigt».

Die Deutsche Presse-Agentur hat bereits im Februar 2021 in einem Faktencheck Quellen präsentiert, die nahelegen, dass in bestimmten Monaten des Jahres 2020 mehr Menschen gestorben sind als in den Vorjahren. Der Anstieg hängt demnach auch mit der Corona-Pandemie zusammen.