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Umstrittene Auszeichnung in Rheinland-Pfalz
Carl-Zuckmayer-Medaille für Autor Menasse: Harte Kritik an Landesregierung

FOTO: dpa / Arne Dedert
Trotz erfundener Zitate will Rheinland-Pfalz den Schriftsteller ehren – und erntet dafür über die eigenen sozialen Netzwerke heftigen Gegenwind. Von Florian Schlecht und Deutsche Presse-Agentur GmbH dpa
Florian Schlecht

Normalerweise ist der Neujahrsempfang für die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer das, was Wimbledon einst für Boris Becker war – das heimische Wohnzimmer. Doch wo die SPD-Politikerin in der Mainzer Staatskanzlei vor 350 Gästen aus dem öffentlichen Leben noch stürmischen Applaus für ihren Appell zu einem friedlichen Europa erntete, fielen die Klatscher viele Minuten später deutlich magerer aus. Als die Triererin verteidigte, warum Rheinland-Pfalz dem umstrittenen Preisträger und österreichischen Schriftsteller Robert Menasse trotz einer erfundenen Auschwitz-Rede am 18. Januar die Carl-Zuckmayer-Medaille verleihen will, rührten sich unter den Zuhörern nur wenige Hände.

Selbst unter den mehr als 100 Antworten zum Twitter-Eintrag der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, wonach Dreyer entschied, Menasse den Zuckmayer-Preis zu überreichen, dominierte deutlich die Kritik. „Was für ein Skandal. Was für ein Zeichen. Was für ein Schlag ins Gesicht für alle, die gehofft hatten, nach Relotius wird reflektiert, aufgeräumt und gebüßt“, schrieb ein Nutzer mit Blick auf die jüngste Debatte um Ex-Spiegel-Redakteur Claas Relotius, der bei journalistischen Artikeln ganze Personen, Geschichten erfunden hatte, einen riesigen Wirbel um Glaubwürdigkeit entfachte und entlassen wurde. „Hat der Postillon den Twitter-Account der Landesregierung RLP übernommen?“, fragte ein anderer User mit Verweis auf ein bekanntes Satireportal im Internet. In einem anderen Kommentar heißt es: „Es wäre auch zu schade gewesen um die Häppchen und den Sekt - da spielt die Begründung, weshalb man dem Menasse eine Medaille umhängt, gar keine wirkliche Rolle.“

Minsterpräsidentin Dreyer hatte nach Gesprächen mit Wissenschaftsminister Konrad Wolf und Robert Menasse entschieden, dem Autor den Preis dennoch zu verleihen, weil er „ein beeindruckendes literarisches Gesamtwerk geschaffen“ und die politische Debatte um die Zukunft der EU „sehr bereichert“ habe. Bei den Vorwürfen gegen den 64-Jährigen war es um die von Menasse vorgebrachte Behauptung gegangen, dass der erste Kommissionspräsident des EU-Vorläufers Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Walter Hallstein, seine Antrittsrede 1958 auf dem Gelände des früheren NS-Vernichtungslagers Auschwitz gehalten haben soll, was aber nicht der Fall gewesen sein soll. In einer gemeinsamen Stellungnahme des Landes wurde Menasse zitiert: „Es war ein Fehler von mir, Walter Hallstein in öffentlichen Äußerungen und nicht-fiktionalen Texten Zitate zuzuschreiben, die er wörtlich so nicht gesagt hat. Es war unüberlegt, dass ich im Vertrauen auf Hörensagen die Antrittsrede von Hallstein in Auschwitz verortet habe. Diese hat dort nicht stattgefunden. Das hätte ich überprüfen müssen. Ich habe diese Fehler nicht absichtsvoll und nicht mit dem Ziel der Täuschung begangen.“

Die Opposition im Mainzer Landtag attackierte den Schulterschluss mit dem Schriftsteller. „Auch wenn sich Robert Menasse für seine Fehler entschuldigt hat, ist die Verleihung zum jetzigen Zeitpunkt das falsche Signal“, sagte CDU-Fraktionschef Christian Baldauf. Menasse habe Zitate frei erfunden, ihm müsse bewusst gewesen sein, dass Leser auf den Wahrheitsgehalt seiner Texte vertraut hätten. „Gerade in Zeiten von Fake News und einer Vertrauenskrise in mediale Berichterstattung müssen Repräsentanten des Staates deutlich machen, dass sie für Wahrheit und Wahrhaftigkeit einstehen.“ AfD-Fraktionsvize Joachim Paul sagte: „Menasse ist ein Zitat-Fälscher und Ereignis-Erfinder, der glaubt, der politische Zweck heilige die Mittel.“ Die Beschädigung des Ansehens der
Zuckmayer-Medaille sei zwangsläufige Folge der Verleihung.