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Trierer Frauennotruf
Mehr Vergewaltigungen angezeigt

FOTO: dpa / Marc Müller
Trierer Frauennotruf: Die meisten Opfer kennen ihre Peiniger. Tatort ist immer öfter das Internet. Von Katharina De Mos

Plötzlich sprechen Frauen öffentlich über Vergewaltigungen. Doch an der Arbeit der rheinland-pfälzischen Frauennotrufe ändert die „MeToo“-Debatte bisher wenig. Die Zahl der Opfer, die landesweit Hilfe suchen, nachdem ihnen sexuelle Gewalt angetan wurde, bleibt unverändert. Wie der Trierer Frauennotruf am Dienstag mitteilte, haben sich 2017 landesweit knapp 2030 Menschen beraten lassen: 1156 direkt betroffene Frauen sowie 871 Angehörige, Freundinnen oder Betreuer.

In knapp 400 Fällen ging es um Vergewaltigungen. Nur in 15 Prozent jedoch erstatten die Frauen nach Auskunft der Trierer Beraterin Ruth Petri Anzeige. So wurden dem Polizeipräsidium Trier 2017 71 Vergewaltigungen gemeldet (darunter auch von drei männlichen Opfern). Das sind 20 mehr als in den Vorjahren. Laut Polizeistatistik hat dies mit dem neuen Sexualstrafrecht zu tun, das den Grundsatz „Nein heißt Nein“ eingeführt hat: Nicht erst, wenn der Täter Gewalt anwendet, sondern bereits, wenn er gegen den erkennbaren Willen des Opfers verstößt, handelt es sich um Vergewaltigung. Erstmals hat die Polizei 2017 auch Fälle sexueller Belästigung erfasst: 73 Anzeigen gingen in der Region ein. Unverändert häufig wird der sexuelle Missbrauch von Kindern angezeigt (123 Fälle). Stalking hingegen spielt laut Statistik eine immer geringere Rolle: „Nur“ 87 Anzeigen gingen 2017 ein (14 davon von männlichen Opfern). Vor einigen Jahren waren es noch fast doppelt so viele Stalkingfälle. Die Dunkelziffer dürfte bei all diesen Delikten hoch sein. Die Aufklärungsquote ist es mit fast 90 Prozent allerdings auch.

Dennoch drängen die Notrufe Frauen keineswegs zur Anzeige. Oft stehe Aussage gegen Aussage. Zudem bedeute es enorm viel Stress, alles wieder und wieder durchleben zu müssen. Zumal es laut Petri nicht einmal in zehn Prozent der Fälle zur Verurteilung der Täter kommt.

Diese sind nur in den wenigsten Fällen Fremde. 95 Prozent der Frauen und Mädchen, die sich an die Notrufe wenden, kannten ihren Peiniger. „Der Mann, der im dunklen Park lauert, ist ein Mythos. Täter ist meist der verlassene Ex-Partner, der Onkel, der Nachbar, der Arbeitskollege“, sagt Petri. Eine Vertrauensperson. Und nicht, wie manch rechte Bewegung dies darstelle, Migranten.

Immer öfter kommt es laut Frauennotruf zu Taten via Internet: Mal erschleichen sich Männer mit falschen Identitäten Nacktbilder, mal verbreiten sie Sexvideos. Die meisten Frauen jedoch suchen Hilfe, weil sie in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden (455 Fälle). Erst viele Jahre später – vielleicht dann, wenn ihre eigenen Kinder in dem Alter sind – beginnen sie, das traumatische Geschehen aufzuarbeiten.

Im Kampf gegen sexuelle Gewalt setzt Petri auf Prävention. Schon in Kita und Grundschule gelte es, traditionelle Geschlechterrollen aufzubrechen.

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