Denkmalpflage: Das würdevolle Finanzamt anno 1485

Denkmalpflage : Das würdevolle Finanzamt anno 1485

Kürzlich verlieh der Bund den „Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege“. Den ersten Platz bekamen Astrid und Norbert Schmitz für die „Wiederherstellung und Rückgewinnung“ des klösterlichen Zehnthofes/Leiwen. Der Preis ist dotiert mit 5000 Euro.

„Den Holzwürmern haben wir erst mal den Garaus gemacht“, sagt Norbert Schmitz. Er steht an der Theke des Gasthauses „vierzehn85“ und deutet auf die tragenden Fachwerkbalken. „Die sind noch original aus dem Jahr 1485.“ Den Eheleuten Schmitz gehört ein Schreinerei- und Trockenbauunternehmen. Sie haben sich 2010 ans Werk gemacht, den klösterlichen Zehnthof in Leiwen (Kreis Trier-Saarburg) zu restaurieren. Seit anderthalb Jahren ist in den Räumen ein Restaurant.

„Nur ein, zwei Jahre später, und es wäre in die Hose gegangen.“ 19 Jahre habe das Haus leer gestanden, dann habe ein Wasserschaden im Erdgeschoss die Substanz so sehr beschädigt, dass das Fachwerk kurz davor gewesen sei durchzubrechen. 37 Päpste hat der stille Zeitzeuge überlebt, die Reformation, die Säkularisierung unter Napoleon, zwei Weltkriege, Karl Marx und vieles mehr. „Überlegen Sie mal, sieben Jahre, bevor Kolumbus Amerika entdeckt hat, wurde dieses Gebäude gebaut“, schwärmt Schmitz.

Er steht immer noch hinter der Theke. Im Hintergrund läuft Klezmer. „Wir wollten dem Gebäude die Seele wiedergeben.“ Die Leute aus der Umgebung brachten von 1485 bis etwa 1802 – in dem Jahr enteignete Napoleon die Kirchen – ihre Ernte zum Hof, dort wurde sie weiterverarbeitet. Da, wo heute die Toiletten sind, kelterten Mönche im 15. Jahrhundert den Wein, „vermutlich noch mit den Füßen“. Jeder zehnte Teil der Ernte ging an die Mönche. „Deswegen nennt sich das Gebäude Zehnthof. Heute würden wir Finanzamt sagen.“

Mit einem Finanzamt hat der Hof glücklicherweise nichts mehr zu tun. Heute kommen die Menschen gerne hierhin. „Vielen Dank für die Führung“, sagt Andreas Heindl zum Gastwirt, „es war sensationell.“ Heindl kommt aus der Schweiz. „Ich komme selbst aus dem Baugeschäft und habe schon viel an alten Häusern gebaut. Aber so perfekt wie hier habe ich es an einem alten Haus noch nicht gesehen.“

Wie behutsam die Handwerker vorgegangen sind, lässt sich vor allem an den Kleinigkeiten beobachten. In einem Sturz im ersten Stock kommen einem ein winziger Engel und eine kleine Rosette entgegen. „Die haben wir zufällig gefunden, als wir den Putz heruntergenommen haben.“ Nur ein Schlag zu viel mit dem Hammer, dann wären diese Details heute nicht mehr zu sehen. „Wir haben uns natürlich gefreut, und dann haben wir darüber gesprochen, wie wir diese kleinen Details erhalten können“, erklärt Schmitz. Das alles geht nur in enger Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz. „Mit dem hatten wir keine Probleme. Wir haben uns zusammengesetzt, darüber gesprochen, wie wir uns das vorstellen, und gemerkt, dass wir auf einer Wellenlänge sind.“ Es habe keine Unstimmigkeiten gegeben, obwohl jeder Arbeitsschritt vorab besprochen werden musste.

Man kommt durch die uralte Tür aus dem 16. Jahrhundert in das Gebäude. Alte Fliesen sind verlegt. „Die haben wir wieder aus der Versenkung geholt.“ Schmitz und seine Ehefrau haben sie entdeckt, aufgearbeitet und neu verlegt. Im ganzen Haus sind Kunstexponate ausgestellt. Viele Bilder von Sebastian Schön, einem Trierer Künstler. Das Haus ist hell, trotz kleiner Fenster.

„Die Beleuchtung basiert auf LED-Technik.“ Sie hätten es aber nicht zu aufdringlich gewollt. Das Haus sollte wirken. Im Obergeschoss finden sich Überreste alter Tapeten aus dem 19. Jahrhundert. „Alles, was wir erhalten konnten, haben wir erhalten.“ Große Flächen alter, gemusterter Wandverzierung fallen einem ins Auge. Unaufgeregt verputzten die Handwerker drum herum. Spiegeln nennt sich dies. Unter dem Lehm benutzte das Ehepaar Stroh zur Armierung. So, wie es die Bauherren aus dem 15. Jahrhundert auch gemacht hätten. Stundenlang habe Schmitz für die Sanierung des alten Zehnthofes in der Literatur gestöbert. Außerdem mit seinen Handwerkskollegen gesprochen, die ebenfalls ausgezeichnet worden sind (siehe Info). „Ich wollte verstehen, wie die Baumeister früher gearbeitet haben.“ Dieses Wissen brauchten die Eheleute vor allem für die Kronjuwelen des Hauses: den Dachstuhl im obersten Stock. Krumm und schief und herrlich unperfekt steht er da und hält das Haus noch so, wie er es vor über 500 Jahren schon getan hat. Auch ihn haben die Eheleute, in liebevoller Ehrfurcht, hergerichtet.

Ursula Schirmer ist Jurymitglied bei der Preisverleihung. Im Interview mit dem SWR begründet sie, weshalb es den ersten Preis für das Haus gab: „Der ehemalige Zehnthof ist ganz grandios wiederhergestellt worden, bei gleichzeitiger Erhaltung von möglichst viel Originalsubstanz, es hat seine Würde behalten, und das ist das, was wir uns in der Denkmalpflege wünschen.“

Balken, die nicht mehr verwendet werden konnten, wurden herausgenommen und gegen Holzbalken aus dem 19. Jahrhundert ersetzt. Die herausgenommenen Balken waren allerdings doch noch zu etwas nütze. „Es war ja nicht das ganze Holz vergammelt.“ Aus den Überresten, die noch gut waren, bauten die Schreiner Möbel, die jetzt in einem der Badezimmer stehen. Für manche Bauelemente, Kleinigkeiten für den Laien, haben sich Schmitz und seine Frau fünf Wochen lang beraten. „Wir wollten perfekt sein bei diesem Projekt.“

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