Onkel Toms Hütten

JÜNKERATH/HILLESHEIM. In zwei Wochen wird er 78 Jahre alt: Harry, Künstlername Tom, der seit Jahrzehnten im Eifelwald lebt – "irgendwo zwischen Jünkerath und Hillesheim", wie er uns zu schreiben aufgibt.

Da kommt er heranspaziert, gewandet wie ein Westmann: Karohemd, Halstuch, Hut natürlich, Jeans mit "Chaps", dem ledernen Beinschutz der Cowboys. In Herzhöhe blinkt ein Sheriffstern. "Willkommen in Texas", sagt Harry und lacht. "Sie haben's aber schön hier", geben wir zurück. "Ich bin nicht der ,Sie'", sagt Harry. "Ich bin der Harry. Oder besser: der Tom." Nachname? Nix da!Das Paradies im Eifelwald

Bleiben wir also bei "Tom" - und schauen uns um in seinem Reich: Ein sanft ansteigendes Tal im Eifelwald, große Wiesen, durch die sich ein (derzeit trockenes) Bachbett windet, rundherum Bäume. Hütten und Verschläge sind zu sehen, ein Indianerzelt mit Totempfahl davor, zwei Grillplätze, Sitzecken und ein Klo-Häuschen am Waldrand. Hier lebt er, auf rund 2,4 Hektar Land, das er vor 36 Jahren gekauft hat: "Die Leute sagen immer, das wäre das Paradies." Mittendrin steht seine "Ranch", selbst gebaut, denn Tom ist pensionierter Schreinermeister. Ein paar Freunde haben ihm dabei geholfen. Vorne wohnt der Hausherr, hinten seine drei noch verbliebenen Pferde. "Früher hatte ich neun." Das älteste, Resi, starb vor einiger Zeit, mit 41 Jahren. "Ein halbes Leben" habe er hier verbracht. "Aber ich habe keinen Tag bereut." Warum nicht? "Weißt du, das ist so: Entweder man hat das hier drin", sagt er und tippt sich in Höhe des Sheriffsterns auf die Brust, "oder man hat es gar nicht." Er sei kein ängstlicher Typ, sagt Tom. Aber einmal sei ihm doch die Muffe gegangen: "Das war vor zehn Jahren, als diese Rumänenbande immer die Poststellen überfallen hat." Eines Nachts seien drei Gestalten mit Taschenlampen um seine Ranch geschlichen. "Die wollten hier schlafen. Ich hab' schon mit der Axt hinter der Tür gestanden." Dann aber hätten die Gangster offenbar die Pferde gehört, das Haus für einen Stall gehalten und seien wieder verschwunden. "Das Cowboyleben ist hart, mein Junge!" Tom stammt aus Köln. "Ich hatte da meine eigene Schreinerei. Aber meine Frau ist Ende der 60er Jahre schwer krank geworden. Lungenemphysem." Der Arzt habe ihr Luftveränderung verordnet. So kamen sie damals in die Eifel, mieteten einen Zweitwohnsitz, und erhielten dann das Angebot, das kleine Tal zu kaufen. "Meine Frau ist nie mehr gesund geworden", erzählt Tom. "Aber hier konnte sie leben." Später mussten sie aus der Wohnung raus, es begann eine schwierige Phase des Pendelns zwischen Stadt und Land. "Das war eine schlimme Zeit. Aber was tut man nicht alles, wenn man seine Frau gern hat." Vor vier Jahren starb sie, seitdem ist er ganz allein. Nur seine Tochter kommt gelegentlich vorbei, schaut nach dem Vater, nimmt Kochwäsche mit. Den Rest macht er selbst: Strom liefert ein kleines Solar-Paneel, das er an einem Mast angebracht hat. Drehbar, damit er die Anlage immer nach der Sonne ausrichten kann. Das nötige Wasser liefert der Regen, auch für die selbst gebaute Außendusche. Im Moment aber ist Sparen angesagt: "Das ist anders als bei euch. Ihr macht den Kranen auf und habt Wasser." Tom hat keins. "Es muss regnen", sagt er. Das Wasser läuft dann durch einen Filter, speist die Dusche, seine Spüle im Wohnraum und die beiden Außentanks, aus denen die Pferde trinken. Sogar ein Mobiltelefon hat der Sheriff: "Normalerweise ist hier ja ein Funkloch. Aber ich habe eine Spezialantenne." Auch das Handy wird über die Solarbatterie mit Energie versorgt. Wärme liefert ein Holzofen, gekocht wird mit Gas aus Flaschen, gegessen meist aus der Konserve: "Ich hab' ja keinen Kühlschrank." Ein "Hotel" mit einem Zimmer

Ein Stück unterhalb der Ranch steht sein "Hotel": Eine Ein-Raum-Hütte mit Stroh-Boden und Etagenbett. Vor einiger Zeit habe dort ein Professor wochenlang logiert. "Dem ging's gar nicht gut. Aber hinterher war er wieder gesund." Tom war nie krank. Ausnahme: ein Reitunfall vor sechs Jahren. "Sechs Rippen gebrochen, ein Schulterblatt, Gehirnerschütterung und Lungenquetschung." Bald wird er 78 Jahre alt: "78! Wo liegen da die meisten? Auf dem Kirchhof. Oder im Altersheim." Dann lieber eine Ranch im Nirgendwo, auch wenn es im Winter bitterkalt und früh dunkel wird. Eine Petroleumlampe spendet dann Wärme und Licht, und Tom beschäftigt sich mit seinen Büchern, zum Beispiel von Friedrich Gerstäcker. Der kannte den Westen wirklich, anders als ein gewisser Karl May, der dann auch gerne von Gerstäcker abkupferte. Besuch hat er gern, vor allem Kinder dürfen jederzeit kommen, spielen und reiten. Nur: Wo genau er lebt, das soll bitte nicht verraten werden, denn dann würden vielleicht doch zu viele vorbeischauen. "Das schönste hier ist ja die Ruhe", sagt er. "Und?", ruft er zum Abschied. "Hat es sich gelohnt?" Mehr als das. So long, Tom!

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