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SPRACHE
Warum Moselfränkisch für viele Heimat ist

Bitburg. Platt ist nicht gleich Platt. Dennoch verbindet Moselfränkisch Menschen aus vier Ländern. Das zeigt eine neue Doppel-CD aus Bitburg.

„Seid Ihr en Iiwer-Kieler?“ Das wurde Werner Pies als junger Mann oft gefragt, als er von seinem Heimatort Hüttingen/Kyll ins immerhin sechs Kilometer entfernte „Bebursch“ kam. Denn mit seinem Platt fiel er in der „Staadt“ schon auf. Und die des Dialekts mächtigen Leute in Bitburg – das waren damals fast alle – ahnten schon an seiner Art zu sprechen, dass er wohl von der Kyll stammen musste.

Heute – Werner Pies ist inzwischen über 70 – sind es immer weniger Menschen, die noch die feinen Unterschiede im Moselfränkischen heraushören und ahnen, aus welcher Ecke der Eifel wohl der Sprecher stammen könnte.

Denn die Mundart ist zwar nicht vom Aussterben bedroht, aber sie wird bei weitem nicht mehr so oft gesprochen wie früher. Dessen ist sich Pies bewusst. „Wir müssen unsere Muttersprache pflegen. Das ist ein ganz wichtiges Thema“, sagt er. Daher kämpft er schon seit Jahrzehnten gegen das Aussterben seiner Heimatsprache. Als ehemaliger Vorsitzender der Kulturgemeinschaft Bitburg, deren Ehrenvorsitzender er nun ist, organisierte er schon vor 40 Jahren den ersten Mundart-Abend in Bitburg.  Viele Veranstaltungen folgten. Und vor 14 Jahren sogar eine CD, auf der besonders „schön schwätzende“ Mundartsprecher, darunter bekannte wie die Dichter Felix Kandels und Gerda Dreiser, Gedichte, Geschichten und Anekdötchen präsentierten.

Freilich waren die Beteiligten damals ausschließlich aus dem Bitburger Land. Dennoch war die CD schnell vergriffen, wie Pies erzählt. 2000 mal wurde sie verkauft. Seitdem gab es nie wieder ein solches Kaleidoskop durch das Moselfränkische mehr.

Bis jetzt. Denn nun hat die Kulturgemeinschaft mit finanzieller Unterstützung des Landes einen besonders großen Coup gelandet: eine Doppel-CD, die Menschen aus dem gesamten moselfränkischen Sprachraum vereint. Die Idee entstand bei einem moselfränkischen Abend mit 700 Besuchern im Haus Beda im vergangenen Jahr.

Bereits da zeigte sich: Der Sprachraum des Moselfränkischen ist nicht auf Deutschland beschränkt, sondern erstreckt sich bis nach Belgien, Luxemburg und Frankreich. Und an den moselfränkischen Lauten höre man noch heute, sagt Pies, „wie eng wir früher alle politisch und kulturell zusammen gehörten“.

Apropos zusammengehören: Auf der Doppel-CD tummeln sich Beiträge aus Orten, die mehr als 100 Kilometer auseinanderliegen – zum Beispiel aus Gerolstein im Norden und dem lothringischen Sierck-les-Bains im Süden oder dem belgischen Arlon im Westen und Bendorf bei Koblenz im Osten. Zum Teil wurden Beiträge von Menschen auf CD gebrannt, die bereits verstorben sind. So wie das Stück „Et Gehyschnis“ der Bitburgerin Gerda Dreiser (1913 bis 1991). Das Stück, von Dreiser selbst gesprochen,  stammt von einer Schallplatte aus dem Jahr 1978. „Das ist das älteste Stück auf der CD“, sagt Pies. Alt, wenn auch deutlich jünger als das Zeitdokument von Dreiser, sind die Stücke, die von der CD aus dem Jahr 2004 stammen und auf der Doppel-CD nochmal veröffentlicht werden – zum Beispiel die Aufnahme „Die drei Jungfrauen“ von Andreas Heinz aus Auw an der Kyll. Ebenfalls bereits einmal erschienen und neu aufgelegt wurden fünf Aufnahmen aus Trier. Sie stammen von  CDs, die dem Buch „100 Jahre Verein Trierisch“ (1997) beigelegt waren.

Dass es heute noch Sänger und Sprecher gibt, die das Platt pflegen, zeigen die Beispiele neueren Datums  – zum Beispiel zwei Gesichte von Josefine Wittenbecher aus Osann-Monzel (Kreis Bernkastel-Wittlich) von 2018. Und noch etwas wird klar: Die Sprache führt Menschen zusammen  – wie Sylvia Nels aus der Eifel und Joël Baschera aus Luxemburg, die zusammen das Lied  „Muselfränkesch“ eingesungen haben. Ein Gedanke, der Werner Pies gefällt. Eben „Muselfränkisch iewer all Grenzen“. Egal ob „Iiwer-Kieler“ oder Beburja.