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Wo weiße Riesen wachsen

Bollendorf. Ein Unternehmen will in Bollendorf 68 Wohnungen für 17 Millionen Euro bauen. Das Projekt ist für die Gemeinde nicht nur außergewöhnlich groß. Es schließt auch eine Versorgungslücke. Christian Altmayer

Bollendorf Hinter dem Zaun ist einiges los. Arbeiter tragen Material von der einen Seite der Grube zur anderen. Bagger und Kran warten auf den nächsten Einsatz. Und ein paar Wände längst, als Politiker und Planer die Spaten in die Erde stecken.
Sie weihen die Baustelle "im Scheuerngarten" ein. Hier sollen für rund 17 Millionen Euro zwei Wohnblocks entstehen - zwei weiße Riesen, 68 mal zwei bis drei Zimmer, Küche, Bad. Die Niederweiser Firma Neu plant nichts Geringeres als das größte und teuerste Bauprojekt, das Bollendorf je gesehen hat. "Und so bald wird hier auch kein größeres laufen", da ist sich Ortsbürgermeister Rolf Stump sicher. Vor etwa drei Jahren hat das Unternehmen das Grundstück gekauft, das etwas kleiner ist als ein Fußballfeld. Bis zum Richtfest werden wohl zwei weitere Jahre vergehen.
Mitte 2019 soll eines der beiden Gebäude bezugsfertig sein, 2021 dann laut Plan der zweite Block eröffnen. "Kaufinteressenten gibt es schon jetzt", sagt Frank Heck, der das Projekt für die Firma seines Vaters Albert Heck leitet. Und das, bevor man überhaupt angefangen habe, intensiv zu werben. Heck wertet die frühen Anfragen als Zeichen dafür, dass die Blocks in Bollendorf gebraucht werden. Das hat auch mit dem Konzept hinter dem Komplex zu tun.
Heck will "im Scheuerngarten" nämlich auch betreutes Wohnen anbieten. In mindestens 30 der 68 geplanten Einheiten sollen alte oder pflegebedürftige Menschen leben. Für sie ist der Trakt vorgesehen, der 2019 fertig wird. Im zweiten Teil der Anlage sollen Eigentumswohnungen für jedermann entstehen. "So bekommen wir eine Vielfalt von Charakteren auf das Gelände", sagt Heck.
Gerade an einem solchen Angebot fehle es bislang in der Südeifel, meint Verbandsgemeindebürgermeister Moritz Petry. Wer betreut wohnen möchte, müsse nach Bitburg oder Neuerburg ziehen, also raus aus dem sozialen Umfeld. Viele wollen aber in der Heimat bleiben. Dazu wird so mancher Südeifeler ab 2019 die Möglichkeit haben. Allerdings nur, wenn er das nötige Geld mitbringt.
Wer eine Wohnung kaufen will, muss rund 2900 Euro pro Quadratmeter zahlen. Der Preis für 60-Quadratmeter liegt bei 174 000 Euro. "Das kommt aber auf die Lage, die Etage, die Ausstattung und viele weitere Faktoren an", sagt Heck. Zum Vergleich: Im Schnitt kostet der Quadratmeter laut dem Immobilienportal "Immowelt.de" in Rheinland-Pfalz etwa 600 Euro weniger. Aber die Einheiten werden auf der Internetseite des Architekten ja auch als "luxuriöse Wohnungen" beworben.
Was für das Geld geboten wird? Die Anlage ist barrierefrei und ihre Lage könnte innerhalb Bollendorfs kaum besser sein. Arzt, Supermarkt und Apotheke liegen nur wenige Meter entfernt. Wer sich für einen Einzug in den ersten Block entscheidet, wird außerdem von einem sogenannten Koordinator betreut.
Der wird bei einem karitativen Träger angestellt sein, den Heck derzeit sucht. Der Betreuer soll den Bewohnern mehrere Stunden wöchentlich bei Alltagsproblemen helfen. Außerdem wird er Veranstaltungen in den Gemeinschaftsräumen ausrichten, die sich die Eigentümer der Wohnungen teilen. Wer mehr Betreuung braucht, muss sich die entsprechenden Leistungen dazubuchen - etwa Fahrdienste zum Arzt nach Bitburg oder zum Supermarkt nach Irrel. Das Basis-Angebot darf man sich also nicht als Rundum-Sorglos-Paket vorstellen. So mancher Bewohner wird zu den 2900 Euro im Monat langfristig draufzahlen.
Es gebe allerdings auch Kaufinteressenten,die die Wohnungen vermieten wollen. Auch dieser Idee stehen die Unternehmer offen gegenüber. So könnten auch Personen mit schmalerem Geldbeutel einziehen und die Betreuung nutzen. Ortsbürgermeister Stump zeigt sich insgesamt sehr zufrieden mit dem Projekt. "Solche Angebote helfen, die Ortsflucht zu verhindern."Meinung

Nicht zurücklehnen
Die Nachfrage nach betreutem wohnen ist schon lange da. Und bald gibt es auch in der Südeifel ein Angebot. Das ist gut so. Ein Allheilmittel für die Probleme unserer alternden Gesellschaft ist der Bau solcher Wohneinheiten dennoch nicht. Sind die Blocks doch nur Menschen mit vollen Konten vorbehalten. Und mal ehrlich: Die Unternehmer bauen die Einrichtung nicht nur für Eifeler, sondern auch für vermögende Luxemburger. Aber was macht ein pflegebedürftiger Mensch, der sich keine Eigentumswohnung leisten kann? Die Deutschen werden älter, aber nicht reicher. Und die Renten im Eifelkreis sind im bundesweiten Vergleich besonders niedrig. Auch für diese Menschen muss bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden. Hier sind freilich nicht Unternehmer in der Pflicht, sondern Politiker. Der Bau gibt also Grund zum Feiern, aber keinesfalls zum Zurücklehnen. c.altmayer@volksfreund.de