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Altes Hausarzt-Modell steht vor dem Umbruch

Die Hausärztin, die sich um alles kümmert, ist kein Modell für die Zukunft. Foto: iStock
Die Hausärztin, die sich um alles kümmert, ist kein Modell für die Zukunft. Foto: iStock
Daun. Nur eine Revolution des geläufigen Hausarzt-Modells kann die medizinische Versorgung in der Vulkaneifel retten. Davon sind Experten überzeugt, die dem Kreistag ein Konzept vorgestellt haben. Die Zeit drängt, sagt Werner Klöckner, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Daun und CDU-Kreistagsmitglied: "Es ist zwei Minuten vor zwölf." Florian Schlecht

Daun. Denkt Hans-Joachim Schade an die Gesundheitsversorgung in der Vulkaneifel im Jahr 2020, malt er ein echtes Schreckensbild auf. 20 von 42 Hausärzten gehen bis dahin in Rente, die wenigsten finden einen Nachfolger. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter und brauchen Mediziner, die sich um Krankheiten und Gebrechen kümmern. Besonders in den Dörfern fehlt es an Praxen, weil Mediziner nach ihrem Uni-Abschluss selten aufs Land ziehen. Schade sagt: "Irgendwann verlassen die Leute die Region - und das wäre die größte Katastrophe." Kräfte bündeln

Die Worte, die im Kreistag aus dem Mund des Gesundheitsexperten kommen, wirken wie ein Donnerhall. Doch Schade erschöpft sich nicht darin, über die Probleme zu jammern. Der Anwalt hat monatelang mit dem Mediziner Rainer Winkel an Lösungen gearbeitet (siehe Extra). Und Ansätze gefunden, die einer Revolution des momentanen hausärztlichen Versorgungssystems gleichkommen würden. "Ich sehe nur eine Chance, wenn die Leistungsfähigkeit der Praxen erhöht wird." Dies könne gelingen, wenn mehrere Ärzte ihre Kräfte bündeln - und sich in jeder Verbandsgemeinde in einer Gemeinschaftspraxis zusammenfinden. Stark befürwortet er auch das Modell, Assistentinnen so gut auszubilden, dass diese Mediziner bei vielen Aufgaben entlasten könnten. In den Niederlanden sei das bereits gängig. Schade weiß aber auch: "Das alte Rollenbild des Hausarztes, der sich um alles kümmert, sitzt noch tief in den Köpfen."Die ersten Mediziner habe er in der Vulkaneifel aber schon überzeugen können. Schade sieht Vorteile in einem neuen Hausarzt-Modell: Weniger Bürokratie, weil Verwaltungsarbeit nicht nur in einer Hand liege. Sowie die Möglichkeit, Hausarzt auf Teilzeitbasis zu sein - und dann je nach Wunsch noch Karriere im Krankenhaus zu machen oder sich stärker um seine Familie zu kümmern. Genauso fordert er ein Umdenken in der Kinderbetreuung. "Sie muss sich auch an den Arbeitszeiten im Gesundheitsbereich orientieren."Die Kreistagsmitglieder lauschen dem Vortrag gespannt - so wie Georg Linnerth. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD sagt: "Gesundheit ist eines der wichtigen Themen, um den Lebensstandard unseres Raumes zu erhalten. Wir werden hier viele Mittel einsetzen - und die Menschen werden uns dafür dankbar sein." Den Einsatz von 86 000 Euro, die in das Konzept von Schade und Winkel flossen, kritisierte dagegen Hildegard Slabik-Münter von der Linken: "Was herausgekommen ist, hätten wir auch anderen Quellen entnehmen können. Ich glaube, da wurden zu viele Steuergelder ausgegeben." Widerspruch erntete sie dafür von CDU-Mitglied Friedbert Wißkirchen. "In dieser Form hätte das Wissen um unsere Region niemand zusammentragen können." Auch Werner Klöckner, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Daun und CDU-Kreistagsmitglied, befürwortet das Konzept. Dieses wollen die Experten den Kreistagsmitgliedern im März vollständig vorlegen. Dann geht es um die weiteren Schritte. Für Klöckner ist es Zeit zu handeln. "Es ist bereits jetzt zwei Minuten vor zwölf." Meinung

Abschied vom alten Rollendenken "Der Landarzt" war mal eine beliebte Vorabendsendung im ZDF. Es ging um einen Doktor, der von Dorf zu Dorf fuhr und für jeden Patienten ein offenes Wort hatte. Seit 2012 ist die Serie abgesetzt. Und auch für die Realität hat das Modell des Hausarztes, dessen vertrautes Gesicht wir bei jeder noch so kleinen Untersuchung sehen, in Zukunft ausgedient. Junge Ärzte ziehen kaum auf das Land. Allein eine Praxis zu führen, ist ein extrem hoher Aufwand. Einige wollen nicht 14 Stunden am Tag arbeiten, sondern Zeit mit ihrer Familie verbringen. Das sind Wahrheiten, an denen sich in absehbarer Zeit nichts ändern wird. Mit dem Ansatz, Kräfte zu bündeln, berücksichtigt das angedachte Gesundheitskonzept für die Vulkaneifel die Lebenswelt angehender Mediziner und lockt sie so an. Richtig so. Doch der Abschied vom alten Rollendenken ist noch ein langer, langer Weg. f.schlecht@volksfreund.deExtra

Bereits im Dezember 2012 beschloss der Kreistag, eine Strategie zur nachhaltigen Gesundheitsversorgung im Vulkaneifelkreis erarbeiten zu lassen. Das Projekt kostet 86 000 Euro und wird finanziert mithilfe von Geldern aus dem Förderprogramm Leader, Eigenmitteln des Kreises und der Sparkassenstiftung. Im Februar 2014 erhielt die Arbeitsgemeinschaft um Hans-Joachim Schade und Rainer Winkel den Auftrag, das Konzept zu entwickeln. Sie analysierten zunächst mit Daten den heutigen Stand - und wie sich die medizinische Versorgung in der Zukunft verändert. Dafür führten sie viele Gespräche in der Region: bei Ärzten, Krankenhäuser, Pflegediensten, Apotheken und Physiotherapeuten. Aus diesen entwickelten sie erste Lösungsansätze. flor