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Debatte um die Pauschale

Gesetze, Verordnungen, Richtlinien: Viele Ärzte warnen vor zu viel Bürokratie durch das DRK-System. Foto: Mirko Blahak
Gesetze, Verordnungen, Richtlinien: Viele Ärzte warnen vor zu viel Bürokratie durch das DRK-System. Foto: Mirko Blahak
DAUN. Eine Abkürzung, drei Buchstaben und jede Menge Zündstoff: Die Vergütung und Abrechnung nach dem DRG-System (Diagnosis Related Groups, zu Deutsch diagnosebezogene Fallgruppen) wird für die meisten Krankenhäuser zum 1. Januar 2004 verbindlich. Das Krankenhaus Maria-Hilf in Daun beteiligt sich ab 1. April als eine der ersten Kliniken in der Region am Probelauf. Von unserem Redakteur <br>MIRKO BLAHAK

"Alles in allem wird die Neustrukturierung der Krankenhausvergütung den Patienten eine Reihe von Vorteilen bringen." So heißt es in der Kundenzeitschrift einer Betriebskrankenkasse. Kürzere Krankenhaus-Aufenthalte, mehr Spezialisierung, größere Kompetenz, mehr Transparenz und niedrigere Kosten - so lauten die Stichworte der Befürworter.

Geteilt werden sie von einigen Ärzten und Verwaltungsdirektoren nicht. Trotz der Kritik am System hat sich das 262-Betten-Krankenhaus in Daun auf Trägerebene dazu entschlossen, am Probelauf für das DRG-System (siehe Stichwort) teilzunehmen. "Damit wählen wir das kleinere Übel", sagt Verwaltungsdirektor Franz-Josef Jax. Das größere Übel seien die derzeitigen Probleme mit den Kostenträgern.

"In immer verstärkterem Maße überprüft der Medizinische Dienst der Krankenkassen die Angaben zur Behandlungsdauer von Patienten", ärgert sich Jax. "Als ob wir die Patienten hier festhalten würden." Damit verbunden seien ein hoher Dokumentationsaufwand für den Arzt und eine Reihe von Klagefällen. "Pro Patient ist der Schreibkram für den Arzt um 50 Prozent gestiegen" klagt Jax. Deshalb also jetzt schon DRG, die Bezahlung nicht mehr nach der Liegezeit der Patienten, sondern nach Krankheitsfall. Doch die für Patienten propagierten Vorteile sind in der Ärzteschaft umstritten und für Jax eine Mär.

KÜRZERE KRANKENHAUS-AUFENTHALTE: Wenn die Vergütung der Kliniken nicht mehr davon abhängt, wie viele Tage Patienten im Krankenhaus verbringen, werden die Aufenthalte auf das medizinisch notwendige Maß reduziert, so die Rechnung. Der Patient könne so schneller in seine häusliche Umgebung zurückkehren.

"Wir müssen in der Tat unsere Behandlungsabläufe und -organisation überdenken", nennt Jax eine Folge des neuen Systems. Die Diagnose für einen Patienten muss schneller gestellt, die Therapie rascher über die Bühne gehen, schon bei der Aufnahme muss die Betreuung nach dem Krankenhausaufenthalt organisiert werden, um die Verweildauer von derzeit 8,3 Tagen (Bundesdurchschnitt gut neun Tage) weiter zu senken. Zu viele Behandlungen in kurzen Abständen würden vor allem bei älteren Patienten jedoch Stress hervorrufen, der der Genesung nicht hilfreich sei, meint Jax. "Man sieht alles nur noch betriebswirtschaftlich. Der Patient als Mensch droht auf der Strecke zu bleiben", beklagt Pflegedienstleiter Karl-Heinz Sicken.

MEHR SPEZIALISIERUNG, MEHR VERSORGUNGSQUALITÄT: Es wird davon ausgegangen, dass die Fallpauschalen-Vergütung dazu führt, dass Krankenhäuser Gewinne vor allem durch Spezialisierung machen können. Je besser eine Klinik bestimmte Fachgebiete beherrscht, desto effizienter können Behandlungen gemacht werden. Für die Patienten erhöht sich durch medizinische Zentren etwa für Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Versorgungsqualität.

In Daun sei im Prothesenbereich weitere Spezialisierung denkbar, sagt Jax. "Planwirtschaftliche" Begrenzungen von Mehrerlösen jedoch würde der Erschließung neuer Märkte, mit denen Geld zu verdienen wäre, einen Riegel vorschieben. Das Gesetz schreibe vor, dass ein Krankenhaus im ersten Jahr des DRG-Systems 75 Prozent der über das zuvor vereinbarte gesamte Erlösbudget hinausgehende Einnahmen an die Krankenkassen zurückzuzahlen hat.

An diesem Punkt sieht Jax die Crux im System: "Wenn ich ein leistungsgerechtes System will, kann ich mögliche Mehreinnahmen nicht deckeln. Tue ich es doch, ist es egal, ob ich den Deckel über die Abrechnung von Tagessätzen erreiche oder über Fallpauschalen."

Den alten Pflegesatz zu errechnen sei aber banal gewesen, im Gegensatz zum DRG-System, das einen viel größeren bürokratischen Aufwand verlange. "Wir haben einen Arzt als Medizincontroller abgestellt, der sich nur mit der Patientendokumentation beschäftigt. Das tut in der Seele weh", sagt Jax. Zusätzlich wurde in Daun eine Stelle für das Patientenmanagent und eine für das Entlassungsmanagement geschaffen, neben neuer Software und Computer, die angeschafft wurden.

"Überbürokratisierung des Arbeitsablaufs"

Dr. Wolfgang Schernikau, stellvertretender Ärztlicher Direktor, spricht daher von einer "Überbürokratisierung des Arbeitsablaufs". Und Jax bemerkt: "Das Geld für fünf Computer wäre in medizintechnisches Gerät für Diagnostik besser angelegt gewesen."

QUALITÄTSSICHERUNG: Damit wegen eines größeren Zwangs zur Wirtschaftlichkeit nicht die Versorgungs-Qualität leidet, werden Qualitätssicherungs-Instrumente eingesetzt: Für manche Operationen müssen Mindestmengen erfüllt werden, Kliniken müssen künftig alle zwei Jahre Qualitätsberichte veröffentlichen, die dem Patienten die Vergleichbarkeit von Häusern erleichtern sollen.

Mehr Wettbewerb gleich mehr Transparenz für den Patienten gleich mehr Wirtschaftlichkeit - diese Gleichung möchte Jax so nicht aufmachen wollen. Externe Qualitätssicherung gebe es heute schon. Doch für das neue System sei genau so wenig wie für die bisherigen Erfassungsprogramme geklärt, wie sich die geforderte Ergebnisqualität definiert.

SONDERREGELUNGEN: Damit auch im ländlichen Raum die stationäre Behandlung gewährleistet bleibt, sollen kleine Häuser, die aufgrund geringer Fallzahlen nach dem DRG-System nicht wirtschaftlich arbeiten können, so genannte "Sicherstellungszuschläge erhalten". "In Deutschland liegt kein Krankenhaus so weit weg vom Schuss, dass es solche Zuschläge bekommen wird", prognostiziert Jax.

Die Folge: Manche Häuser werden die Bettenzahl senken, manche auch ganz schließen müssen. "Also das, was politisch eigentlich gewollt ist", wie Schernikau bemerkt.