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Gesellschaft
Friedensfest in Hermeskeil: 350 Bürger setzen Zeichen für Vielfalt (Fotos/Video)

Luftballons steigen am Samstag in den Himmel über Hermeskeil: Die Aktion ist der Höhepunkt eines Friedensfestes, zu dem das Bündnis Buntes Hermeskeil eingeladen hatte. Die Organisatoren reagierten damit auf eine Kundgebung der rechtspopulistischen AfD, die am Samstag zurselben Zeit vor dem Rathaus abgehalten wurde. Foto: Florian Blaes
Luftballons steigen am Samstag in den Himmel über Hermeskeil: Die Aktion ist der Höhepunkt eines Friedensfestes, zu dem das Bündnis Buntes Hermeskeil eingeladen hatte. Die Organisatoren reagierten damit auf eine Kundgebung der rechtspopulistischen AfD, die am Samstag zurselben Zeit vor dem Rathaus abgehalten wurde. Foto: Florian Blaes FOTO: Florian Blaes
Hermeskeil. Auf Einladung des Bündnisses „Buntes Hermeskeil“ haben am Samstag in Hermeskeil etwa 350 Menschen für Toleranz und Vielfalt demonstriert. Das Friedensfest war als Reaktion auf eine zeitgleich vor dem Rathaus stattfindende Kundgebung organisiert worden, zu der regionale Vertreter der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) eingeladen hatten. Die Polizei war vor Ort, meldete aber keine Zwischenfälle. Von Christa Weber
Christa Weber

Es ist viel los am Samstagnachmittag im Hermeskeiler Stadtpark. Zwischen Zelten und Pavillons haben sich einige Hundert Menschen versammelt, die der Einladung eines spontan gegründeten Bündnisses gefolgt sind. Unter dem Namen „Buntes Hermeskeil“ hatten etwa ein Dutzend Partner, darunter Kitas, Schulen, Vereine, das Hermeskeiler Mehrgenerationenhaus, das Familiennetzwerk Hafen und Vertreter politischer Parteien wie SPD und Linke, zur Feier eines gemeinsamen Friedensfestes aufgerufen.

„Ich bin überwältigt, dass so viele Leute gekommen sind“, sagt Lena Weber, Vorsitzende der SPD in Hermeskeil, Stadtratsmitglied und Initiatorin des Festes. Schließlich habe man erst am Montagabend von der geplanten Veranstaltung erfahren, der das Bündnis mit seinem Friedensfest „etwas Positives entgegensetzen wolle“. Gemeint ist ein Trauer- und Friedensmarsch, zu dem Jens Ahnemüller, Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Kreisverbands Trier-Saarburg der Alternative für Deutschland (AfD), für diesen Samstag, den Antikriegs- oder Weltfriedenstag, auf den Hermeskeiler Rathausplatz eingeladen hatte.

Buntes Friedensfest in Hermeskeil FOTO:

„Für uns war es keine Frage, dass wir uns hier beteiligen“, sagt Kerstin Bettendorf vom Hermeskeiler Mehrgenerationenhaus (MGH). Es sei eine „stramme Woche“ gewesen, aber dank eines „guten Netzwerks“ habe man sich schnell mit vielen bereitwilligen Unterstützern kurzschließen können. „Und wenn man sieht, was dabei herausgekommen ist, ist das schon toll.“

Im Parkpavillon hängt eine große Friedenstaube, zusammengesetzt aus etwa 100 Porträtfotos von Bürgern, die sich spontan an der Aktion beteiligt haben. „Flüchtlinge willkommen“ steht ganz oben über der Bildercollage. Auf der Bühne spielen Matthias Webel und Musiker aus der Verbandsgemeinde Hermeskeil Hits wie „Free Falling“ von Tom Petty. Mehrere Gastredner greifen zum Mikrofon, darunter Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD). Sie mahnt die Zuhörer: „Wenn wir in einer Gesellschaft leben wollen, wo man zusammenhält, und in der jeder Mensch respektiert wird, dann müssen wir jetzt aufstehen und uns bei Gelegenheiten wie heute dazu bekennen.“

Zu diesem Zeitpunkt sind etwa 300 Feiernde im Park versammelt. „Das ist auch ein Indiz dafür, dass die Menschen wachsam sind“, findet Hartmut Heck, Beauftragter der Verbandsgemeinde Hermeskeil. Maria Schmitt aus Hermeskeil sagt, sie sei gekommen, „weil man gegen braunes Gedankengut aufstehen muss, nach dem Motto: Wehret den Anfängen“. Dass die AfD ausgerechnet Hermeskeil für ihre Kundgebung ausgewählt habe, um „klammheimlich Leute zu rekrutieren“, dürfe man nicht einfach so hinnehmen.

Währenddessen sammeln sich vor dem Rathausplatz allmählich die Teilnehmer des Friedensmarsches. Einige halten Deutschland-Fahnen, andere Transparente, auf denen „Bürgeraufstand gegen Überfremdung und Gewalt“ oder „Politiker haften für ihre Flüchtlinge“ steht. Organisator Jens Ahnemüller informiert zunächst, dass der geplante Marsch zum Neuen Markt abgesagt sei und man aus Sicherheitsgründen vor dem Rathaus bleiben werde. „Wir sind heute hier, um unsere friedlichen Absichten, aber auch unsere Ängste mit euch zu teilen“, ruft er den etwa 60 Kundgebungsteilnehmern zu. Dann spricht er von den jüngsten Ereignissen in Chemnitz. Dort war am vergangenen Sonntag ein 35-Jähriger erstochen worden. Nach der Tat war es zu Krawallen vorwiegend rechter Demonstranten gekommen, von denen einige Ausländer angegriffen hatten. Chemnitz sei die Fortsetzung einer „Blutspur, die sich seit 2015 durch unser Land zieht“, sagt Ahnemüller und verweist auf die seither erfolgten „Übergriffe aus kulturfremden Kreisen“. Dann fordert er eine Schweigeminute für „alle Opfer des importierten Terrors“.

Die weiteren Redebeiträge von AfD-Vertretern – anwesend sind Maximilian Meurer, stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbands Bernkastel-Wittlich, Christiane Christen, frühere AfD-Landesvizechefin, und der Bundestagsabgeordnete Jens Maier – gehen unter im Pfeifkonzert der laut Polizei etwa 350 Friedensfest-Teilnehmer, die die wenigen Meter vom Stadtpark herüber zum Rathaus gekommen sind. Durch Absperrgitter sind sie von den Teilnehmern der AfD-Kundgebung getrennt. Die Polizei ist mit einem größeren Aufgebot vor Ort, hat auch die Zufahrt zur Trierer Straße für die Dauer der Veranstaltung abgesperrt. Während die Afd-Redner über Kanzlerin Merkels Asylpolitik und die Auslandseinsätze der Bundeswehr schimpfen, übertönen die Gegendemonstranten das Gesagte mit Buh-Rufen, Trillerpfeifen und sogar mit einer Trompete.

Der Landtagsabgeordnete Lothar Rommelfanger (SPD) gibt per Megafon das Signal für den Höhepunkt der Friedensfeier: „Das ist ein toller Tag für Hermeskeil und für die Demokratie“, sagt der Wiltinger. Dann steigen auf sein Kommando hin Hunderte bunte Luftballons in den blauen Himmel über Hermeskeil. Fest-Initiatorin Lena Weber ist begeistert: „Phänomenal, ich habe Gänsehaut. Wir wollten zeigen, dass Hermeskeil bunt ist – das haben wir geschafft.“ Die heutige Aktion schaffe ein „tolles Gemeinschaftsgefühl, das uns alle noch mehr zusammenschweißt“.

Um etwa 16.30 Uhr endet die Kundgebung der AfD-Anhänger, die Polizei geleitet die Teilnehmer noch zu ihren Autos. Wie die gesamte Veranstaltung zuvor verläuft auch dies ohne Zwischenfälle. Die Polizei zieht am späten Nachmittag eine positive Bilanz ihres Einsatzes. „Es war alles insgesamt friedlich“, erklärt Karl-Peter Jochem, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Trier. Die Polizei sei vorbereitetet gewesen mit einem Sicherheitskonzept, und die Teilnehmer beider Seiten hätten sich an das gehalten, was mit den Anmeldern der Veranstaltungen im Vorfeld besprochen gewesen sei.