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Der Künstler soll kein Rechner mehr sein

Der Künstler soll kein Rechner mehr sein

Es war ein Experiment, als Trier 2013 entschied, einen Theaterintendanten zu suchen, der alles verantwortet: die Kunst und die Finanzen. Der Stadtvorstand scheint dieses Experiment für gescheitert zu halten und will zurück zu alten Strukturen. Triers Kulturpolitiker werden am Donnerstag darüber beraten.

Trier. 2013 sorgte eine Ausschreibung aus Trier für Aufmerksamkeit in der deutschen Theaterszene. Denn die Stadt sucht via Frankfurter Allgemeiner Zeitung, Süddeutscher Zeitung und Zeit einen Intendanten mit "Management-Schwerpunkt". So weit hatte sich noch kein Träger vorgewagt. Dieter Lintz, Leitender Redakteur des Volksfreunds, schrieb damals: "Was vom neuen Theaterchef erwartet wird, ist unglaublich viel: Er soll die Struktur des Hauses reformieren, natürlich mit Blick auf die Kosten - weil viel mehr Geld nicht hereinkommen wird. Er soll das Haus stärker regional und soziokulturell ausrichten. Er soll die Mitarbeiter mitnehmen, und er soll im künstlerischen Bereich seine Allmacht mit kompetenten Kollegen teilen. Und bei alledem das Haus sicher durch eine schwierige Sanierungs- oder Neubauphase steuern. Das wird nur mit einem Intendanten funktionieren, der genau diesen Trie rer Weg gehen will. Der ein Gespür hat für die Lage vor Ort. Da heißt es exakt hinsehen bei der Brautschau."Keine drei Jahre später scheint die Stadt ihr Experiment für gescheitert zu halten. Am Donnerstag legt Oberbürgermeister Wolfram Leibe dem Kulturausschuss zur Beratung einen Antrag vor, der rückgängig machen soll, was auf Betreiben des Kulturdezernenten Thomas Egger und der Kulturpolitiker am 19. November 2013 entschieden worden war. Erstens soll der Beschluss aufgehoben werden, dass der Intendant die alleinige Leitung des Theaters hat. Zweitens soll die im Stellenplan des Theaters noch vorhandene Position eines Verwaltungsleiters schnell ausgeschrieben und wieder besetzt werden. Neben einem passenden Studienabschluss soll der Bewerber langjährige Erfahrung in der Kulturpolitik mitbringen und sich mit dem Theaterbetrieb identifizieren. Drittens soll das Theater eine neue Dienstordnung bekommen, die festlegt, dass der Intendant und der kaufmännische Leiter das Haus gemeinsam führen. 80 000 Euro jährlich

Anlass für diesen Antrag ist, dass das Drei-Sparten-Haus 2015 ein Minus von 1,3 Millionen Euro machte und dass ein ähnliches Minus auch für 2016 droht. Auch die Turbulenzen, die das Theater unter Generalintendant Karl Sibelius erlebt hat, dürften eine Rolle spielen. Von all dem ist in der Begründung allerdings keine Rede. Stattdessen heißt es in der Tischvorlage: "Die Erfahrungen mit der alleinigen Verantwortung bei der komplexen Bewirtschaftung des Theaters haben gezeigt, dass angesichts der vielschichtigen Problematik des Theaters (Sanierungsstau, Finanzausstattung, Diskussion um Sanierung/Neubau, Standortfrage, Gründung einer AöR) eine Generalintendanz alleine die Aufgaben nicht bewältigen kann. Sowohl der künstlerische Bereich als auch der kaufmännische und organisatorische Verwaltungsapparat benötigen eine eigene, intensive, professionelle Betreuung." Finanzielle Auswirkung des Ganzen: Personalkosten in Höhe von 80 000 Euro jährlich. Diese seien im Theaterhaushalt eingeplant. Der Kulturausschuss berät über all das, die Entscheidung trifft am 14. Juli der Stadtrat. Ob Sibelius die neuen Bedingungen akzeptiert, ist ungewiss. Noch will er sich dazu nicht äußern. Er sagt auf TV-Anfrage lediglich, er sei in Gesprächen mit dem Stadtvorstand. Und er wäge mit seinem Team ab, was für das Theater am besten sei. Nachdem die Stadt sich für Sibelius entschieden hatte, schrieb Dieter Lintz: "Die Findungskommission hat sich für den Paradiesvogel entschieden, nicht für die Verwalter des Bestehenden. Sibelius ist ein Querdenker, ein Neu-Erfinder, ein Polarisierer. So etwas kann schiefgehen, aber es kann auch neue Perspektiven eröffnen. Und die braucht das Haus angesichts des notwendigen Publikums-Umbruchs, der Baumaßnahmen und des Ungleichgewichts von Finanzbedarf und städtischer Realität. Es ist ein Himmelfahrtskommando, das Karl Sibelius da antritt." Sibelius dürfte diesen Worten heute wohl zustimmen. "Die städtischen Kulturpolitiker gehen das Risiko mit", schrieb Lintz weiter. Bis jetzt. Doch wahrscheinlich nicht mehr lange. Meinung

Das Theater braucht RuheEs ist keine Schande, etwas Neues zu versuchen und dabei zu scheitern. Die Idee, das sanierungsbedürftige, finanzschwache Theater Trier - diesen angeschlagenen Tanker - in stürmischen Zeiten einem einzigen Steuermann anzuvertrauen, ist gescheitert. Wer die Schuld alleine Karl Sibelius gibt, liegt falsch. Da ist vieles schiefgelaufen. Die Strukturen, die es dem Theater längst ermöglichen sollten, effizienter zu arbeiten, hat die Stadt nie geschaffen. Noch immer ist offen, wann die neue Theater AöR gegründet wird. Das städtische Controlling hat komplett versagt: Noch vor wenigen Wochen konnte im zuständigen Dezernat niemand sagen, wie hoch das Minus des Theaters für 2015 ist. Als Intendant trägt Sibelius natürlich am Ende die Verantwortung, doch hat er die Eklats um das Stück "Die rote Wand" oder die Absage von Nero Hero keineswegs alleine zu verantworten. Was das Theater jetzt braucht, ist Ruhe, um sich wieder ganz der Kunst zu widmen. Kunst, die volle Aufmerksamkeit verdient hat und die seit Sibelius neue und jüngere Zuschauer begeistert. Der Vorschlag, dass der Intendant sich künftig ganz der Kunst widmet, ist gut. Ebenso wie jener, dass jemand anderes sich um die Finanzen kümmert. 1,3 Millionen Euro Miese kann Trier sich einfach nicht leisten. k.demos@volksfreund.de