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Jazz trifft Kirchenorgel

Jazz trifft Kirchenorgel

Die elfte Himmeroder Zisterziensernacht hat 300 Besuchern ein besonderes Hörerlebnis geboten. Die international erfolgreiche Münchner Jazz-Organistin Barbara Dennerlein spielte auf der Klais-Orgel der Abtei ein abwechslungsreiches Programm aus Eigenkompositionen und Jazz-Standards.

Großlittgen. Es ist ein Orgelkonzert der etwas anderen Art, das zeigt schon die im Kirchenschiff aufgestellte Leinwand mit Livebildern von der Orgelempore. Barbara Dennerlein ist auch keine klassische Kirchenorganistin sondern Jazzmusikerin. Ihr weltweiter Ruhm gründet sich auf ihrer Meisterschaft an der Hammond B3-Orgel, mit der sie gewöhnlich mitten auf Bühne präsent ist. Sie bei ihrem Spiel zu beobachten, ist eine wertvolle Ergänzung zum Hören. Denn dabei offenbaren sich die grandiose Virtuosität, die intensive Konzentration und Hingabe und der Spaß - eine Verschmelzung von Künstlerin und Kunst. Das schafft Nähe, die ebenso wie die charmanten und informativen Moderationen der Organistin den Zugang zu ihrer Musik ebnet.
Dennerlein beginnt mit der Eigenkomposition "Home Is Where My Heart Is", einem sehr sanften, ätherischen Stück, in dem sie den samtenen Klang der Himmeroder Klais-Orgel für atmosphärische Bilder voll subtiler innerer Dynamik nutzt. Einen Tag lang hat sie sich mit dem 1962 gebauten Instrument vertraut gemacht und Register vorprogrammiert. So kommt es immer wieder zu ungewöhnlichen Effekten. Im Folgetitel "Bluesmarch" von Benny Golson zum Beispiel wird ein Teil der Melodie wie Glockengeläut gestaltet, im Kontrast dazu steht die typische Blues-Basslinie, die Dennerlein über die Fuß-Pedale als tiefes Brausen erzeugt. Besonders dieses Stück, aber auch das durch Dizzie Gillespie bekannte "Tin Tin Deo" mit seinen Afro-, Latin- und Funkrhythmen zeigen zugleich, dass es schwierig ist, Jazz auf eine Kirchenorgel zu übertragen.
Anders als im Combo-Arrangement, in dem sich Tasten-, Saiten-, Schlag- und Blasinstrumente mit ihren Klangfarben, Charakteren und Rollen klar voneinander abgrenzen, sind sich die allesamt durch Luft erzeugten Töne der Orgel sehr ähnlich. Das, der Nachhall und die Behäbigkeit des Instruments lassen einzelne Stränge und Rhythmusstrukturen verschwimmen, so dass zuweilen ein farbloser breiiger Eindruck entsteht. Besser, weil zum orchestralen Ausdruck der Orgel passend, funktioniert dagegen die Adaption der ursprünglich für Big-Band-Orchester arrangierten Ballade "Little Darling".
Restlos überzeugend sind Dennerleins auf Kirchenorgel zugeschnittene Eigenkompositionen. "Symphonie in Minor", ein auf Moll-Akkorden basierendes, sehr dichtes Werk mit klassischen Zügen, besticht mit berührender Melodik, komplexer Rhythmik, Melancholie und Spiritualität.
Den Höhepunkt bildet "New York Impressions", das mit pulsierender Energie mitreißt. Dort läuft die sehr intuitiv arbeitende Musikerin improvisatorisch zu Hochform auf. In ihrem emotionalen Musikgemälde einer brodelnden und widersprüchlichen Metropole taucht auch eine atemberaubende Reflexion von Bachs Toccata und Fuge auf. Große Klasse!
Am Ende erntet die mutige und innovative Organistin brandenden Applaus.