"Klavierspiel wie vom Himmel"

"Klavierspiel wie vom Himmel"

Er ist 92 Jahre alt und längst eine lebende Legende. Jetzt kam der Pianist Menahem Pressler mit dem Schumann-Streichquartett und Antonín Dvoráks Klavierquintett op. 81 nach Wittlich. Das Publikum in der voll besetzten Synagoge war hellauf begeistert.

Wittlich. Die ersten Klangfiguren am Klavier, und in der Wittlicher Synagoge wird die Stimmung anders. Menahem Pressler, der große alte Mann der Klavier-Kammermusik, er zieht das Publikum fast magisch hinein in sein Musizieren. Nichts bei ihm klingt profilsuchend, selbstdarstellerisch oder überredend. Presslers Musizieren hat etwas Beobachtendes und zutiefst Reflektiertes. Das Klavier klingt unaufdringlich, und doch kommen von ihm immer wieder Impulse. Und das junge Schumann-Quartett nimmt sie auf, behält aber sein eigenes Profil und gibt musikalischer Lyrik eine jugendlich zupackende Intensität mit. So entfaltet Antonín Dvoráks Klavierquintett op. 81 seine herrliche erzählende Weite. Die Interpretation greift emotional weit aus, steigert sich im Kopfsatz zu bedrängender Wucht, beschwört Pathos ohne Forcierung, trifft im zweiten Satz den Balladen-Tonfall und lässt in diesem Satz mitklingen, was an Dvorák romantisch ist: das Fremde im Vertrauten, das Obskure im allzu Bekannten.
Echte Ergriffenheit


Dann erzählt Menahem Pressler. Von seinen musikalischen Erfahrungen, von den Pianistenkollegen Van Cliburn, Svjatoslav Richter und Emil Gilels, vom großen Cellisten Mstislav Rostropovitch. Und sie spielen als Zugabe - nein, besser: als Nachklang - den vierten Satz "Intermezzo" aus dem Klavierquintett op. 57 von Dmitri Schostakowitsch. Eine Musik, in der sich abgründige Trauer und entschiedener Behauptungswille zu einem geschlossenen Ganzen verbinden, abgeblendet und aufbegehrend zugleich.
Das Publikum applaudierte stehend. Aber es war nicht das Strohfeuer sensationswütiger Begeisterung, sondern Ausdruck echter Ergriffenheit. "Klavierspiel wie vom Himmel", sagte eine Pianistin und Klavierpädagogin im Publikum.
Dann verließ Menahem Pressler die Wittlicher Bühne, aber das Schumann-Quartett nahm seinen Stil auf und verband ihn mit seiner eigenen Interpretationssprache. In Béla Bartóks 2. Quartett brachten die Schumanns die Klassizität des ersten (Sonaten-) Satzes wirkungsvoll zusammen mit expressionistischer Schärfe und schwer übertrefflicher Transparenz in den übrigen Sätzen. Wenn Motive durch die Stimmen gehen, dann gelingen die Übergänge perfekt. Das Pathos der Höhepunkte bleibt streng und diszipliniert. Und in der Trauermusik des abschließenden "Lento" besticht die atmende, die flexible Melodieführung - vor allem bei Bratschistin Liisa Randalu.
Eindimensionale Interpretation


Bei Altmeister Joseph Haydn indes zeichnete sich ab, worin dieses Quartett aus den drei Schumann-Brüdern und Bratschistin Randalu noch entwicklungsfähig ist. Gewiss, im Quartett op. 76,4 beeindruckte erneut die technische Brillanz der Formation. Und doch blieb die Interpretation eindimensional. Noch fehlt den Musikern jener freundliche, verbindliche und zutiefst humane Humor, der gerade Haydns Spätwerk beseelt. Auch hier: lebhafte Zustimmung im Publikum. Veranstalter des Konzerts waren der Musikkreis Wittlich und die Landesstiftung Villa Musica.

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