Mit kleinem Teppich auf die große Bühne

Trier · Bis nach Toulouse will der Liedermacher Philipp Poisel auf seiner aktuellen CD. Bis nach Trier ist er am Freitagabend gekommen. 1100 Fans haben ihn in der Europahalle empfangen.

 Der Liedermacher Philipp Poisel in der Trierer Europahalle. TV-Foto: Daniel John

Der Liedermacher Philipp Poisel in der Trierer Europahalle. TV-Foto: Daniel John

Trier. Er ist auf dem Teppich geblieben - so sagt man gern von einem bodenständigen Künstler ohne Starallüren. Auf Philipp Poisel trifft das aber auch im wörtlichen Sinn zu: Allen, die es von hinten nicht sehen können, beschreibt der Liedermacher, wie er sich seine Bühne eingerichtet hat: "Ich habe hier einen zwei Quadratmeter großen Perserteppich ausgelegt, den habe ich immer dabei." Für ihn ist es ein Stück Zuhause, das ihn auf seiner Tournee begleitet. Der Teppich ist das Symbol für die Geborgenheit, Sicherheit und Heimat, die Poisel in den Jahren, in denen er als Straßenmusiker in halb Europa unterwegs war, nie gekannt hat.
Fast ein wenig schüchtern betritt der 28-Jährige die Bühne. Davor drängen sich in den ersten Reihen vor allem weibliche Fans im Teenageralter, die ihn mit einem kollektiven Kreischen empfangen. Dabei wirkt Poisel in seinem Ringelshirt geradezu jungenhaft und hat so gar nichts von einem Superstar aus der Casting-Retorte. So nervös, wie er in sein Mikrofon nuschelt, würde ihn ein Dieter Bohlen wohl schon nach Sekunden mit wenig schmeichelhaften Kommentaren von der Bühne jagen. Hier steht einer, der eher das Potenzial zum Antihelden hat.
Überhaupt das Nuscheln: Wer bislang Poisels Entdecker und Förderer Herbert Grönemeyer für den König der Nuschler gehalten hat, wird schnell eines Besseren belehrt. Verständlich werden die Texte vor allem, weil die Fans sie mitsingen. "Er drückt mit Worten das aus, was jeder fühlt", sagt die 17-jährige Lisa Kaiser aus Traben-Trarbach, die es "noch schöner und noch intensiver" findet, den Sänger live zu erleben statt nur auf CD.
Die Lieder handeln vorwiegend von der Liebe, vermitteln aber nur selten etwas von unbeschwerter Leichtigkeit und Fröhlichkeit. Meist mischen sich Gefühle von Sehnsucht, Angst und Melancholie darunter. Lebensfreude hört sich bei Poisel so an: "Ich hab furchtbar Angst vorm Tod, ich hoffe, ich bin dort nicht allein. Auch wenn das Leben manchmal traurig ist, bin ich froh, froh dabei zu sein."
Froh, beim Konzert dabei zu sein, ist Anne Biewer aus Kasel: "Das ist mal etwas ganz anderes. Poisel hat etwas, was andere nicht haben", meint sie. Etwas, das offenbar in diese Zeit passt. Vor zwei Jahren noch trat der Liedermacher vor ein paar Dutzend Zuhörern im Ducsaal Freudenburg auf, diesmal hat er 1100 Gäste in die Trierer Europahalle gelockt.
Poisels Melodien sind meist ruhig, auf Showeffekte setzen er und seine Band nur selten, etwa bei "Zünde alle Feuer", bei dem eine Funkenfontäne aus dem Hals seiner Gitarre sprüht. Bei der Zugabe wird dann aber doch im Saal kräfig getanzt, ganz so, wie der Titel es verlangt: "Als gäb\'s kein Morgen mehr".Vor dem Auftritt von Philipp Poisel haben sich zwei weitere Sänger dem Publikum vorgestellt: Johannes Falk hat in diesem Jahr seine erste CD unter dem Titel "Pilgerreise" veröffentlicht. Der gelernte Chemielaborant, Jahrgang 1977, hat an der Mannheimer Popakademie den Studiengang Popmusikdesign absolviert. Tim Bendzko ist bereits einem breiteren Publikum bekannt. Das Debütalbum des gebürtigen Berliners "Wenn Worte meine Sprache wären", schaffte es in diesem Monat auf Platz vier der deutschen Charts. Die erste Single-Auskopplung ist "Nur noch kurz die Welt retten". daj

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