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Rettungslos im Wahn versunken

Rettungslos im Wahn versunken

Verdis Oper "Otello" als Tragödie eines abgehalfterten alten Soldaten, der im zivilen Leben nicht mehr zurechtkommt: Diese durchaus spannende Interpretation bietet Andreas Kriegenburgs Version von der Deutschen Oper Berlin, die diese Woche in Luxemburg gastiert. Prominentes Zugpferd: Tenor José Cura als Titelheld.

Luxemburg. Bei allem Respekt: Den Anfang kann man nur furchtbar nennen. Bei seiner Auftritts-Triumpharie quetscht Otello hohe Töne heraus, die bestenfalls einen Annäherungswert an Verdis Noten erreichen, die Übergänge zwischen den Stimmregistern klingen wie eine Gangschaltung ohne Synchronisierung, es ertönt ein Gegröle, wie man es seit den schlechtesten Tagen von Mario del Monaco nicht mehr gehört hat.
Keine Angst, es bleibt nicht so. Vielleicht ist das schreiende Elend sogar Absicht. Denn der Otello, den Regisseur Andreas Kriegenburg und Sänger José Cura da kreiert haben, ist kein strahlender Held. Ein alter, grauer, gebeugter Mann, der viele Schlachten gewonnen hat, aber längst müde ist. Der keinen Spaß mehr hat am Triumphieren und Bejubeltwerden. Der nicht recht weiß, wie er sein Leben außerhalb des Schlachtfelds mit einer jungen, attraktiven Frau gestalten soll. Der Angst hat vor den Jungen, die nachrücken. Und der genau deshalb fast zwangsläufig ein ideales Opfer wird für die vergleichsweise läppische Intrige, die sein Widersacher Jago anzettelt.
Cura lässt seine Figur Stück für Stück im Wahn versinken, und je weniger er den Helden gibt, umso intensiver wird seine Rollengestaltung. Wo er nicht forciert und brüllt, sondern stimmlich differenziert gestaltet, lässt er erkennen, was ihn in die Weltklasse der Tenöre gebracht hat. Sein verzweifelter Wahnmonolog "Dio! Mi potevi scagliar" ist ein Gänsehauterlebnis.
Kriegenburgs plausible Inszenierung leuchtet vor allem das Verhältnis Otello/Desdemona aus. Meagan Miller, gesanglich souverän, legt ihre Rolle bemerkenswert selbstbewusst an: eine zumindest anfangs auf Augenhöhe befindliche Partnerin, die einen intakten, sensiblen Otello liebt, den es freilich längst nicht mehr gibt. Die nicht verstehen kann, was in ihm vorgeht und deshalb fast unvermeidlich in die Katastrophe steuert.
Bühnenbild als lebende Skulptur


Da braucht Lucio Gallos kultiviert und präzise gesungener Jago gar kein besonders dämonischer Bösewicht zu sein, um Otello zum Eifersuchtsmord an seiner Frau anzustiften. Zumal der vermeintliche Nebenbuhler Cassio dank Yosep Kangs frischem, hell timbrierten und trotzdem enorm kraftvollen Tenor Otello noch älter aussehen lässt.
Regisseur Kriegenburg hat das Geschehen in ein Flüchtlingslager verlegt. Ausstatter Harald Thor baut an die komplette Bühnenrückwand 50 winzige Wohnboxen, in denen die Flüchtlinge hausen und von denen aus sie das Geschehen beobachten und kommentieren. Das schafft eine Art lebende Skulptur als hochspannende Kulisse. Und es liefert dem vielfach preisgekrönten 80-köpfigen Chor der Deutschen Oper einen prächtigen Aufbau für die monumentalen, das Publikum förmlich hinwegfegenden Klangkaskaden, mit denen Verdi bei seinem großen Alterswerk so gerne arbeitet.
Evan Rogister am Pult der Luxemburger Philharmoniker setzt nicht auf hitzige Tempi und fiebrige Deutungen, konzentriert sich lieber darauf, den Laden zusammenzuhalten - für eine Wiederaufnahme nach langer Pause eine kluge Strategie.
Das Publikum bedachte alle Mitwirkenden mit ausgiebigem Schlussapplaus, hob aber niemanden besonders heraus.
Für die Vorstellungen am 23. und 25. Mai sind noch Restkarten erhältlich. Info: www.theatres.lu, 00352/4708951.