Warum Männer sich durchmogeln …

Warum Männer sich durchmogeln …

Weit mehr als ein Star-Spektakel bietet - trotz prominenter Besetzung - die Produktion von Neil LaButes Zwei-Personen-Drama "Tag der Gnade". Die Premiere gab\'s am Dienstag im Luxemburger Kapuzinertheater.

Luxemburg. Die Nacht nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York. In einem Appartement, zwei Straßenecken von Ground Zero entfernt, wird die Stunde null für Abby und Ben zu einer bitteren Stunde der Wahrheit. Ben wäre unter den Opfern, hätte er sich nicht spontan entschieden, ein Schäferstündchen mit seiner Chefin und Geliebten zu verbringen, statt ordnungsgemäß ins Büro zu gehen.
Jetzt will er den "Freifahrtschein" nutzen, um mit Abby irgendwo ein neues Leben anzufangen, ohne sich dem schmerzhaften Prozess der Trennung von Frau und Kindern zu stellen. Schließlich ist er für seine Umwelt schon tot. Aber Abby will keine neue Existenz auf der Basis einer Lüge aufbauen - die Katastrophe als Chance zu nutzen, erscheint ihr unmoralisch. Ben soll sich der Trennung stellen.
Gnadenlose Abrechnung


Aus dieser Situation entsteht ein fast zweistündiger Disput, eine gnadenlose Abrechnung, die hin- und herwogt. Er provoziert sie mit seinem unerschütterlichen Mangel an Empathie, sie provoziert ihn mit der säurescharfen Analyse seiner Schwächen. Er reitet sich bei jedem Verteidigungsversuch mit dem rhetorischen Geschick eines Bundespräsidenten immer weiter in die Grütze. Sie vergisst in ihrer ganzen Verletztheit, dass sogar gut funktionierende Beziehungen ohne das respektvolle Verschweigen mancher Wahrheiten nicht auskommen.
Selbst hinter Haarspaltereien verbergen sich zunehmend abgrundtiefe Klüfte. Da reden zwei Menschen ohne Pause, aber sie finden keine gemeinsame Funkfrequenz. Und irgendwann wird deutlich, dass der Vorrat an Gemeinsamkeiten, der für ein neues Leben reichen soll, nach drei Jahren Bett-Beziehung längst aufgebraucht ist.
Man könnte die Geschichte bunt-boulevardesk spielen, der Autor hat immerhin einiges an präzise beobachteter Geschlechter-Schlacht Marke "Warum Männer sich immer durchmogeln und Frauen stets ans Eingemachte gehen" aufgeboten. Es ließe sich auch eine sarkastische Gesellschaftskritik daraus machen - "Tag der Gnade" hat durchaus das Format einer zeitgemäßen Version von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?"
Aber Regisseur Herbert Knaup und seine Akteure Désirée Nosbusch und Roman Knika haben sich entschieden, die Sache angemessen ernst zu nehmen. Die tragischen Ereignisse rundherum sind keine grelle Folie für schwarzen Humor, sie legen sich als penetranter weißer Staub über den Bühnenraum (Ausstattung: Nina von Essen). Das ist kein Tanz am Rande des Abgrunds - und wenn, dann allenfalls ein Totentanz.
LaButes Wortwitz schlägt hier keine Funken, er ertrinkt in Abbys traurigen Augen. Désirée Nosbusch spielt sie von Anfang an mit einem bewegenden Unterton von Bitterkeit und Melancholie. Keine, die es genussvoll zelebriert, den intellektuell unterlegenen Partner zu deckeln. Ihre Angriffe haben immer etwas von Notwehr.
Roman Knika changiert glaubhaft zwischen dem Gemüts-Elefanten und dem von den Ansprüchen seiner Partnerin überforderten Liebhaber. Bei beiden Akteuren nicht die geringste Spur von routiniert abgespultem Star-Theater, man meint sogar etwas wie Nervosität und Premieren-Beklommenheit zu spüren.
Demütig im Dienst des Stücks


Das Trio Nosbusch-Knika-Knaup zieht keine Promi-Schau ab, alle stellen sich in den Dienst des Stücks und des Sujets, fast möchte man sagen: demütig. Das Publikum dankt mit konzentriertem Beifall für die Arbeit aus einem konzeptionellen Guss.
Am (offenen) Ende klingelt einmal mehr Bens Handy, seine Frau sucht verzweifelt nach dem vermeintlich Toten. Abby ist da schon weg, sie wollte "den ganzen Ben oder keinen". Die Wette gilt: Er wird nach kurzem Kalkül abheben und sich mit einer faulen Ausrede daheim zurückmelden. Weil eine mäßige Ehe ihm immer noch lieber ist als gar keine Beziehung. Vielleicht ist das ja so mit den Männern und den Frauen. Jedenfalls bei Neil LaBute.

Vorstellungen am 14., 16., 17. Januar im Kapuzinertheater, am 19. und 20. Januar im Theater Esch. Zur Vorstellung am 17. Januar fährt ein Bus aus Trier (Anmeldung: 0651/96686432). Karten: TV-Service-Center Trier, Wittlich, Bitburg.

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