Als die Lieser wütete

PLEIN/WITTLICH. Im vergangenen Jahr traf das Hochwasser an der Lieser nicht nur die Bastenmühle. Vor 200 Jahren wurde die Alte Pleiner Mühle von den Fluten hinweg gerissen: ein Rückblick.

Hochwasser - Reizwort vor Jahresfrist auch an der Lieser. Ein unerwartet starkes Hochwasser überraschte die Bevölkerung. Die Wittlicher Lieserbrücken waren gefährdet. Feuerwehr und Hilfsorganisationen wehrten den Hochwasserfolgen vom Januar 2003 erfolgreich.Vor 200 Jahren sah dies anders aus. Ein ebenfalls unerwartetes Hochwasser traf die Alte Pleiner Mühle besonders hart. Von Wanderern wird sie oft angelaufen, von den Wittlichern ebenso oft besucht und auch von Bewohnern der Dörfer auf den Lieserhöhen. Die Alte Pleiner Mühle liegt in einem wildromantischen Teil des Liesertales nordwestlich von Wittlich. Das dort eingerichtete Gasthaus ist auch Anlaufpunkt und Raststätte der Wanderer, die den an der Alten Pleiner Mühle entlangführenden Lieserpfad benutzen. Imposant der Blick von der Mühle: Am rechten Lieserufer steigen die Hänge äußerst steil an. Was wenige wissen: Vor 200 Jahren ist das Mühlengebäude Opfer eines "Jahrhunderthochwassers" geworden. Im Juli 1804 brachte die zum Antrieb der Mühlräder genutzte und normalerweise ruhig dahin fließende Lieser die Müllersleute um ihre Existenz. Nach einem zwei Tage anhaltenden Gewitter und anschließenden Platzregengüssen schwoll die Lieser dermaßen an, "dass kein Mensch sich so etwas ähnliches aus den vorigen Zeiten zu erinnern weiß. (...) Es geschah aller Orten an den Mühlen, Wiesen und Feldern beträchtlicher Schaden; besonders aber wüthete an diesen Tagen der Lieserbach fürchterlich. Sie riss zu Plein die auf Felsen gebaute Mühle gänzlich mit sich fort." So ein zeitgenössischer Bericht, veröffentlicht von Hermann Hoffmann im Kreisjahrbuch Bernkastel-Wittlich 1994.Vom Glöckchen und der Eisklopferei

Die Mühle wurde wieder aufgebaut. Die neuen Besitzer betrieben eine Getreide- und Ölmühle. Anfang des 20. Jahrhunderts betrieb die Familie Reis die Mühle. Hildegard Reis wohnt heute noch in der Nähe der Mühle und erinnert sich: "Es war schön im Tal. Wir waren eine sehr harmonische Familie mit zwölf Kindern. Der Betrieb florierte gut. Tag und Nacht wurde gemahlen, Sommer wie Winter. Mehrmals nachts weckte uns eine am Absacktrichter angebrachte kleine Glocke. Dann ging meine Mutter oder eines meiner Geschwister zum Wiederauffüllen in die Mühle. In den 30er Jahren fuhren wir mit dem Pferdefuhrwerk über Land. Wir sammelten das Getreide ein und lieferten Mehl aus in Greimerath, Hasborn, Niederöfflingen, Oberöfflingen und Flußbach. Plein wurde damals von der Abachsmühle bedient. Im Winter war die Arbeit ungleich härter als im Sommer. Selbst im Eishaus, der geschlossenen Ummauerung um das Mühlrad, die ja vor Gefrieren schützen sollte, mussten wir bei strenger Kälte das Eis mit der Axt abklopfen oder mit Reisern ein offenes Feuer anzünden, damit der Raum erwärmt wurde und das Eis schmolz. Dann lief das Mühlrad eine gute Stunde, und schon wieder war es festgefroren. Die Eisklopferei begann von Neuem."Der Mühlenbetrieb wurde Ende 1938/Anfang 1939 eingestellt. Hildegard Reis eröffnete 1958 eine Gastwirtschaft, die bis heute unter einem anderen Betreiber besteht. Erstmals war 1926 eine Gaststätte im Mühlenanwesen eingerichtet worden. Seinerzeit diente sie vorwiegend als nachmittäglicher Anlaufpunkt für Wanderer, Angler und Jäger. Abendbetrieb wurde nicht eingerichtet. Die Müllerfamilie nutzte die Abende für das familiäre Zusammensein. Hildegard Reis erinnert sich gerne: "Wir haben im Sommer mit Mandoline, Mundharmonika und Akkordeon oft auf der Veranda gesessen und musiziert, zur eigenen Freude und Unterhaltung."