Die letzten Kriegswochen

In den Februar- und Märztagen 1945 ging für viele Menschen in der Region Trier der Zweite Weltkrieg zu Ende. Die Amerikaner marschierten ein. Von ihren Erlebnissen vor 60 Jahren berichten heute erneut einige Zeitzeugen. Fast 60 Jahre sind nun vergangen und manchmal macht man sich so seine Gedanken wie es damals war, kurz vor dem Ende des Krieges. Ich war damals elf Jahre alt und habe im Nachfolgenden versucht, einige Erinnerungen aus dieser Zeit niederzuschreiben. Es ist Februar 1945, die Westfront rückt immer näher an Deutschland heran. Tagsüber nahmen die alliierten Jabo-Angriffe auf unser Gebiet zu. Wichtige strategische Ziele, wie Straßen, Brücken und Eisenbahnlinien wurden vermehrt angegriffen und zerstört. An manchen klaren Tagen schossen die Flugzeuge, die immer im Tiefflug kamen, auf alles, was sich am Boden bewegte. So kam es, dass wir Kinder aus Fronhofen, die während dieser Zeit die Schule in Kleinich besuchen mussten, mittags unseren Weg durch den Straßengraben machten, um beim Anflug der Tiefflieger schnell in Deckung gehen zu können. Fast täglich bekamen wir Zuhause und in der Schule Anweisungen, wie wir uns in einem solchen Fall zu verhalten hätten. Glücklicherweise kam es jedoch zu keinerlei Zwischenfällen.Ungewissheit und Sorge

Als dann etwas später von Westen her schon der Geschützdonner der Front aus der Ferne zu hören war und sich immer mehr deutsche Soldaten in unserer Gegend, insbesondere in den Wäldern aufhielten, machten sich die Erwachsenen große Sorgen um die Sicherheit der Bevölkerung. Keiner wusste ja zu dieser Zeit, ob es hier zu Kampfhandlungen kommen, oder ob sich die Wehrmacht noch weiter zurückziehen würde. Auf Anordnung der Wehrmacht und der zuständigen Behörden wurde damit begonnen, an den Dorfeingängen aus starken Fichtenstämmen Panzersperren zu errichten, die mit Schotter gefüllt wurden. An einer Stelle wurde auch ein Panzergraben ausgehoben und Schützenlöcher zur Verteidigung des Dorfes wurden gegraben. In der Dorfmitte, neben der Kapelle, wurde eine PAK-Stellung gebaut. Gleichzeitig begannen die Fronhofer Bürger, einen im Bachtal liegenden alten Schieferstollen herzurichten, um dort wichtige Sachen in Sicherheit bringen zu können. Von jeder Familie wurden vorsorglich zwei Truhen, die mit Lebensmitteln und Kleidung gefüllt waren, dort deponiert und nachts bewacht. Etwas abseits dieses Stollens wurde eine geräumige Holzbaracke erstellt, die mit Koch- und Schlafgelegenheiten ausgestattet wurde, die im Falle von Kampfhandlungen Unterschlupf bieten sollte. In einer Fichtendickung wurde eine Miete ausgehoben, die mit Kartoffeln gefüllt wurde. Trinkwasser konnte an einer nahen Quelle entnommen werden, die zu dieser Jahreszeit reichlich sprudelte. Wenn es auch Winter war, so bestand zur Not noch die Möglichkeit, auf den Talwiesen, die damals noch nicht aufgeforstet waren, einige Milchkühe zu halten. So wäre es möglich gewesen, im Stollen und in der Baracke für einige Tage zu überleben. Als dann etwas später die alliierten Streitkräfte die nördliche Moselseite erreicht hatten, kam es eines Nachts zu einem Artilleriebeschuss, der wahrscheinlich der Hunsrückhöhenstraße galt. Die Granaten detonierten aber in den Feldern zwischen Fronhofen und Kleinich. In dieser Nacht habe ich auch die letzten deutschen Soldaten in unserem Dorf gesehen. Es handelte sich dabei um eine Gruppe von einem Offizier oder Unteroffizier und fünf Soldaten. Sie kamen am Abend und übernachteten in unserer Küche. Sie berichteten, dass sie eine Nachhut seien und am Tag zuvor die Moselbrücke in Traben-Trarbach gesprengt hätten. Am Weg nach Kautenbach hatte der Trupp Bäume gefällt, so dass sie den Weg versperrten. Der Trupp verließ uns im Morgengrauen. Ab der darauf folgenden Nacht bezogen wir, insbesondere die Kinder, in Begleitung von einigen Erwachsenen, aus Angst vor weiterem Artilleriebeschuss, für einige Tage die Baracke. Da der Unterricht in diesen Tagen sowieso ausgefallen war, konnten wir uns tagsüber in dem großen Waldgebiet aufhalten. Um aber immer auf dem Laufenden zu bleiben, pendelten einige abwechselnd zwischen Baracke und Dorf hin und her, um die neuesten Nachrichten zu übermitteln. Die deutschen Truppen zogen sich in diesen Tagen weiter zurück und so kam es zu keinen Kampfhandlungen in unserer Gegend. Nach einigen Tagen konnten wir wieder ins Dorf zurückkehren. In den letzten ein bis zwei Tagen bevor die Amerikaner kamen, war alles ziemlich ruhig und jeder wartete auf das, was da kommen sollte. Und dann kamen sie, an einem späten Nachmittag war es soweit. Einige schwere Panzer und dazwischen Jeeps mit Soldaten an den MG´s ratterten durch den Ort und besetzten die Eingänge. Für die hier lebenden, in der Landwirtschaft eingesetzten französischen Kriegsgefangenen war dies der Tag ihrer Befreiung. Soldaten durchsuchten Häuser

Deren Enttäuschung war jedoch groß, als sie nicht in ihre Heimat reisen konnten, sondern noch einige Tage bleiben mussten, bis sie von einem amerikanischen LKW abgeholt wurden. So schnell die Panzereinheit gekommen war, war sie dann auch wieder verschwunden. Einige Tage später kamen sie wieder, mit vier schweren Panzern besetzen sie die Ortseingänge und andere Soldaten machten Hausdurchsuchungen. Vorher wurde bekannt gemacht, dass alle Waffen, Ferngläser und Fotoapparate sofort abzugeben sind. Auch an diesem Tag gab es im Dorf keine Zwischenfälle, nur ein deutscher Soldat, der zuvor zur Bewachung der Kriegsgefangenen eingesetzt war, stellte sich den Amerikanern. Er wurde mitgenommen und kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Neugierig wie wir Jungens in Alter von elf/zwölf Jahren waren, schlichen wir uns durch den Schulgarten an einen dieser Panzer heran, der dicht vor der Mauer des Schulhofes auf der Straße stand, trauten uns aber nicht, den Schulhof zu überqueren, bis uns ein schwarzer Soldat der in der Turmluke des Panzers saß und uns wohl schon einige Zeit beobachtet hatte, heranwinkte. Nun war der Bann gebrochen und die Angst überwunden, wir näherten uns zögernd bis an die Mauer zwischen Schulhof und Straße, um uns das Fahrzeug anschauen zu können. An diesem Tag bekamen wir auf unsere wochenlang eingeübte Frage "have you chewing-gum" von den Soldaten unseren ersten Kaugummi und Schokolade. Keiner von uns wusste bis dahin, was Kaugummi überhaupt ist. Der Soldat in der Turmluke war übrigens der erste Farbige den ich aus der Nähe sah. Die im Stollen deponierte Sachen wurden zurückgeholt, die Panzersperren - wie leicht hätten diese von den schweren Panzern umfahren werden können - wurden beseitigt und unsere Baracke im Wald wurde nach und nach abgerissen. Der Text stammt von Kurt Stumm aus Kleinich. Stumm wurde 1933 im Kleinicher Ortsteil Fronhofen geboren.