Jeden Tag dem Tod einen Schritt näher

Körperich · Silva Ohanyan zählt nicht zu den politisch Verfolgten und trotzdem geht es in ihrer Geschichte um Leben und Tod: Die Armenierin, die zurzeit in Körperich untergebracht ist, braucht dringend eine Lebertransplantation. Wer kann ihr helfen? Der Marathon durch den Behörden-Dschungel beginnt.

 Wartet dringend auf eine Lebertransplantation: Silva Ohanyan. TV-Foto: SarahJasmin Schmidt.

Wartet dringend auf eine Lebertransplantation: Silva Ohanyan. TV-Foto: SarahJasmin Schmidt.

Foto: (e_bit )

Körperich. Ruhig beantwortet Silva Ohanyan in Körperich, Eifelkreis Bitburg-Prüm, die ersten Fragen über Familienstand, Alter, Herkunft. Sie spricht über die Gründe ihrer Auswanderung, ihre Beschwerden und ob es schwer war, ihre Familie zu verlassen. Dann kommt die Frage, die das Gespräch ins Wanken bringt: "Wo und wann haben Sie erfahren, dass Sie nur noch sechs bis 18 Monate zu leben haben, und wie haben sie reagiert?" Ohanyan antwortet nicht mehr. Sie richtet den Blick nach unten und hält ihre Hände vors Gesicht. "Die Frage kam gerade nicht so gut an", sagt Übersetzerin Lilith Garanian. Die 50-jährige Armenierin beginnt zu weinen. Der Moment zeigt, dass es kein herkömmliches Gespräch ist.
Es geht nicht um ein paar Fragen, sondern um Leben oder Tod. Ohanyan leidet an Leberzirrhose und ist seit Dezember 2014 in Deutschland. In Armenien sagen ihr die Ärzte, dass alle technisch-medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und ihre einzige Chance in Europa liegt. Ohanyan entscheidet sich dafür, nach Deutschland zu fliegen, um eine Transplantation zu erhalten, die in ihrem Land nicht möglich ist. Das Geld für den Flug haben Familie, Freunde, Nachbarn zusammengekratzt. Die ersten Schritte auf deutschem Boden liefen nach Ohanyans Empfinden noch ganz gut: "Damals hat das Bundesamt für Integration gesagt, dass sie mir helfen. Wo sind sie jetzt? Wo sind sie?" Man habe ihr empfohlen, einen eigenen Spender zu finden.
Man hört die Verzweiflung in ihrer Stimme. Nach dem ersten Interview mit dem Bundesamt kommen Verwaltungshürden. Der Integrationsbeauftragte der Verbandsgemeinde Südeifel Lothar Penning kontaktiert die Behörden: die Kreisverwaltung, das Bundesamt, das Auswärtige Amt in Berlin. Er gibt an, dass die Krankheit durch zwei Krankenhäuser und ein Leberzentrum bestätigt wurde. Hier seien alle medizinischen Untersuchungen von der Sozialbehörde des Eifelkreises genehmigt und übernommen worden. Außerdem erklärt er, dass die 22-jährige Tochter, die in Armenien lebt, eine potenzielle Spenderin sein könnte. Ihre Kompatibilität könne jedoch nur in Deutschland geprüft werden. Sie könne eine Teilleberspende ermöglichen - eine Alternative zum kompletten Organ eines hirntoten Spenders. Viele Antworten der Behörden werfen dafür erneute Fragen auf. Das Auswärtige Amt: "Wer käme für die Kosten der Kompatibilitätsuntersuchung auf? Wann sollte dann die Lebertransplantation erfolgen - wer käme für diese Kosten auf?" Am Ende wird auf eine Hilfsorganisation verwiesen, die die Kosten tragen könnte.
In einer weiteren Mail gibt es dann doch Grund zur Hoffnung: "Nach erneuter Prüfung aller rechtlichen Möglichkeiten würde ich gewisse Chancen sehen, für die Tochter eine Aufnahme aus dringenden humanitären Gründen gemäß §22 Satz 1 AufenthG zu begründen." Während Penning einen E-Mail-Marathon startet, wird der Gesundheitszustand der 50-Jährigen täglich schlechter. Derweil setzt sich Penning langsam durch. "Im Grunde sind die großen Brocken vom Tisch", sagt er. Die Kreisverwaltung habe ihm zugesagt, dass der Tochter ein Besuchsvisum zugebilligt wird. Es würden die medizinischen Kosten und der Flug finanziert werden. Nun fehle nur noch die Verpflichtungserklärung. Wer eine Verpflichtungserklärung unterschreibt, bürgt für den Einreisenden. Er übernimmt sämtliche Kosten, die während eines Aufenthaltes der Person entstehen. Die letzte Hürde, um die Tochter nach Deutschland zu bringen: einen Sponsor finden, der diese Erklärung unterschreibt. sjsMeinung

Kann Bürokratie Leben kosten?
Das Schlimme ist nicht, dass Frau Ohanyan auf ein Organ warten muss. Das müssen viele tun, wenn sie unter einer schwierigen Krankheit leiden. Sie werden in eine Liste eingetragen, und ab dann heißt es warten und hoffen. Auch sie schweben zwischen Leben und Tod. Das Schlimme ist, dass anfangs unklar war, wie Frau Ohanyan überhaupt geholfen werden kann. Die Behörden waren dabei nicht hilfreich, sie haben mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben. Die Schritte sind langsam, juristisch für einen Laien schwer durchschaubar. Wirklich tragisch wäre es, wenn am Ende ein Mensch stirbt, weil die Verwaltungshürden zu hoch waren. Es muss darüber gesprochen werden, wie man mit Immigranten umgeht, die aus medizinisch-humanitären Gründen nach Deutschland kommen. s.schmidt@volksfreund.de