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Vom Rodelhang zur Spezialklinik

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Bernkastel-Kues. Dieses Jubiläum ist nicht selbstverständlich. Als die Geburtshilfe und die stationäre Chirurgie wegfielen, hatten viele Menschen Angst vor einer Schließung des Bernkastel-Kueser Krankenhauses. Weil sich das Haus spezialisiert hat, scheint die Zukunft sicher. Clemens Beckmann

Bernkastel-Kues. Die älteren Bernkastel-Kueser werden sich daran erinnern: Das Gelände, auf dem das Cusanus Krankenhaus steht, war vor dem Bau im Winter eine beliebte Rodelbahn. 1960, lange vor der Gebietsreform, votierte der Kreistag Bernkastel-Kues für einen 20 Millionen Mark teuren Klinikneubau auf der sogenannten Michels-Wies. "Um den Ansprüchen an eine bedarfsgerechte medizinische Versorgung der Bevölkerung der Mittelmosel zu gewährleisten", hieß es. Bis dahin wurden Patienten im Krankenhaus auf dem Gelände des St. Nikolaus-Hospitals behandelt. Auf den Tag genau vor 50 Jahren, am 1. April 1966, wurde die Klinik eröffnet.
Mit 220 Betten in 90 Zimmern, Operations- und Untersuchungsräumen, Labor, Röntgenabteilung, Endoskopie sowie einer Bäderabteilung galt es als Musterkrankenhaus für den ganzen Moselraum, berichtet Sabine Zimmer, die 50 Jahre später im Verbundkrankenhaus Bernkastel/Wittlich für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Es gab drei Hauptfachabteilungen (Chirurgie, Innere, Anästhesie/Intensivmedizin). Sie wurden ergänzt durch die Belegstationen der Gynäkologie und Geburtshilfe, Urologie sowie eine Hals-Nasen-Ohren-Station. 1967 wurde das Personalwohnheim fertiggestellt. Dort öffnete auch eine Krankenpflegeschule mit 60 Plätzen.
Sabine Zimmer spricht von einer bewegten Geschichte. Die war es in der Tat (Siehe Extra). Wie es so ist, gab es immer dann Bewegung, wenn Veränderungen eintraten. Da sind vor allem die Veränderungen in der Chirurgie und bei der Geburtshilfe zu nennen. Letztere wurde Ende 2003 geschlossen. Begründet wurde sie mit Personalmangel. Vorangegangen waren Proteste aus der Bevölkerung und der Politik. Damals ging die Angst vom Einstieg in den Ausstieg um. Der wurde im Frühjahr 2008 verstärkt. Die stationäre Chirurgie wurde in Wittlich zentralisiert. In Bernkastel-Kues wird seither nur noch ambulant operiert.
"Ich hatte mehrfach Angst vor einer Schließung des Krankenhauses, besonders beim Weggang der Chirurgie", sagt Stadtbürgermeister Wolfgang Port, der seit 15 Jahren im Amt ist.
Es gab eine besonders dunkle Stunde: 1999 wurden bei sieben Säuglingen zum Teil massive Verletzungen festgestellt. Eine Kinderkrankenschwester wurde festgenommen und zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Hintergründe sind bis heute unklar.
Vor 50 Jahren waren psychosomatische und psychische Erkrankungen, Schmerztherapie, Palliativmedizin und Geriatrie quasi noch Fremdwörter. Genau diese Felder sind es, die dem Krankenhaus das Überleben sichern.
Entsprechend positiv sind die Stimmen zum Geburtstag: "Wie für viele Krankenhäuser im ländlichen Raum, war auch für das Cusanus Krankenhaus die Spezialisierung der richtige Weg zur Zukunftssicherung", sagt Heike Ostermeier, die stellvertretende kaufmännische Direktorin des Verbundkrankenhauses. "Die lange Gesundheitsversorgung im Cusanus Krankenhaus hat die Bindung der Patienten an ihre Klinik gestärkt und auch bei den zuweisenden Ärzten Vertrauen entstehen lassen", sagt Dr. Joachim Faude, Chefarzt der psychosomatischen Medizin.Meinung

Gute Nachricht zum Geburtstag
Natürlich wäre es schön, wenn im Cusanus Krankenhaus noch stationär operiert würde, Kinder dort auf die Welt kämen und es eine Stroke Unit für Schlaganfallpatienten gäbe. Das ist aber blauäugig. Zwei Krankenhäuser in einem Kreis mit dem gleichen Angebot: Das kleinere wäre wahrscheinlich längst Geschichte - und der kleinere Teil des Verbundkrankenhauses steht in Bernkastel-Kues. Der Weg zu einem Operierten oder zur jungen Mutter mit Kind ist weiter und ohne Auto oft langwierig, aber er wird nicht mehr kürzer. Mit der Spezialisierung und der Psychiatrie dürften die Ängste vor einer Schließung vom Tisch sein. Das ist bei allen Fragen um die Zukunft der medizinischen Versorgung in ländlichen Regionen die gute Nachricht. c.beckmann@volksfreund.deExtra

Das Cusanus Krankenhaus arbeitete lange Jahre eigenständig. 1986 ging es vom damaligen Kreis Bernkastel-Kues in private Hände über - zur Deutschen Gesellschaft für Krankenpflege, der späteren Caritas-Trägergesellschaft Trier. Seit 2002 bildet die Klinik mit dem größeren St. Elisabeth Krankenhaus in Wittlich einen Verbund. Träger ist heute die Cusanus Trägergesellschaft Trier. In Bernkastel-Kues werden jährlich mehr als 3000 Patienten stationär behandelt. 121 Betten stehen dafür zur Verfügung. Es gibt drei Hauptfachabteilungen, drei Belegabteilungen, ein ambulantes Operationszentrum und ein medizinisches Versorgungszentrum. Dazu kommen Facharztpraxen und das KfH- Dialysezentrum. Die Psychosomatik (20 Betten) und die Akutgeriatrie (Altersmedizin) mit 34 Betten sind die jüngsten Kinder. Größte Abteilung ist die Innere mit Schwerpunkten wie Diabetes und Nieren. Sie pflegt eine enge Zusammenarbeit zur Schwerpunktpraxis für Diabetologie und Nephrologie sowie zum KfH-Nierenzentrum. Für das Jubiläumsjahr sind mehrere Gesundheitstage geplant. Dabei sollen die medizinischen Schwerpunkte des Hauses vorgestellt werden. Terminiert ist bereits für den 2. Juli ein Thementag rund um die Volkskrankheit Diabetes und die Nierengesundheit. In der Planung ist auch ein Festakt. cb

In zwei Jahren soll hier der mehrstöckige Bau der Psychiatrie stehen.
In zwei Jahren soll hier der mehrstöckige Bau der Psychiatrie stehen. FOTO: (m_mo )