"Als hätte er ein Schild umgefahren"

"Als hätte er ein Schild umgefahren"

TRIER. Vor der Landgericht hat gestern der Mordprozess gegen einen 36-jährigen Mann aus Trier begonnen. Der arbeitslose Schlosser soll im Dezember in Trier-Nord eine 59-Jährige vergewaltigt und erwürgt haben.

Es ist kurz vor halb zwei in einer Nacht Anfang Dezember, als Nikolaus S. die Polizei anruft. Er habe soeben eine Frau umgebracht, sagt der damals 35-Jährige dem erstaunten Beamten am anderen Ende der Leitung, nennt dann noch seinen Namen und die Adresse und verabschiedet sich mit einem "Tschüs". Als eine Streife wenig später am Tatort in Trier-Nord eintrifft, lässt sich der arbeitslose Schlosser widerstandslos die Handschellen anlegen.In einer Wohnung im ersten Stock liegt die 59-jährige Mieterin tot auf dem Boden ihres Wohnzimmers. Im Bauch des teilweise entkleideten Opfers steckt ein Steakmesser. In einigen Zimmern sieht es aus wie nach einem Einbruch: durchwühlte Schränke, herausgezogene Schubladen. "Ist doch klar, was das sollte", sagt Nikolaus S. einem Kripobeamten. Er habe in der Wohnung nach Geld und Wertsachen gesucht, "um einen trinken zu gehen".

Der mutmaßliche Täter ist redselig in jener Nacht, "aber auch emotionslos und gleichgültig", erinnert sich gestern einer der als Zeugen geladenen Kriminalbeamten. "Er hat mir die Tat geschildert, als hätte er kurz zuvor ein Verkehrsschild umgefahren." Am ersten Prozesstag dagegen schweigt der in einem schwarz-weißen Trainingsanzug, grauen T-Shirt und weißen Turnschuhen erschienene Angeklagte. Nicht einmal zu seinem persönlichen Werdegang will sich der gelernte Bauschlosser äußern. So ist das fünfköpfige Schwurgericht unter seiner Vorsitzenden Petra Schmitz zunächst auf Zeugenaussagen angewiesen, um sich ein Bild machen zu können, was in jener Dezembernacht in Trier-Nord vermutlich vorgefallen ist.

Direkt nach seiner Festnahme und am Tag darauf ist der mehrfach vorbestrafte Nikolaus S. noch gesprächig, gibt den Kripobeamten bereitwillig Auskunft über die 23 Jahre ältere Frau, mit der er an jenem Dezembernachmittag in einer Kneipe ins Gespräch gekommen sei.

"Irgendetwas setzte bei mir aus"

"Ich kannte sie bis dahin nur vom Sehen", zitiert ein Kripobeamter den Angeklagten. Nikolaus S. hat zu diesem Zeitpunkt schon zwei Kneipenbesuche hinter sich und etwa zehn Stubbis getrunken. Nach einer Weile am Tresen beschließen die beiden, ihr Gespräch in der nicht weit entfernten Wohnung der Frau fortzusetzen. Im Gepäck: vier Stubbis und eine Flasche Weißwein.

Nach den Vernehmungsprotokollen der Polizei kommen sich die beiden in der Wohnung der Frau schließlich näher - einvernehmlich, wie Nikolaus S. behauptet. Plötzlich habe die Frau dann angefangen zu schreien und ihn als "Schwein" beschimpft. Erst habe er ihr den Mund zugehalten, dann, als die Frau erneut geschrieen habe, den Hals zugedrückt - erst mit einer, dann mit beiden Händen. Als die 59-Jährige nach kurzer Bewusstlosigkeit wieder zu sich gekommen sei, habe er ein Küchenhandtuch gegriffen, es ihr um den Hals gelegt und die Frau erdrosselt. "Irgend etwas setzte da bei mir im Kopf aus", sagt der Angeklagte später einem Polizisten. Als Nikolaus S. bei der Frau keinen Puls mehr fühlt, setzt er sich auf die Couch, trinkt ein Stubbi und raucht eine Zigarette, bevor er das Opfer und die Wohnung nach Wertgegenständen durchsucht. Mit dem Schlüssel der Frau in der Tasche geht er anschließend in die Kneipe, in der sich die beiden ein paar Stunden zuvor zufällig getroffen haben. Zwei, drei Stubbis später kehrt er in die Wohnung der Frau zurück.

Weil er annimmt, dass sich sein Opfer in der Zwischenzeit bewegt hat, geht er in die Küche, nimmt ein Steakmesser aus der Schublade und sticht es der längst toten Frau in den Bauch. Bevor er selbst die Polizei anruft, leert Nikolaus S. nach eigenen Angaben noch die restlichen Flaschen Bier und Wein.

Der Prozess wird am heutigen Mittwoch fortgesetzt.

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