Im Land beraten 253 ehrenamtliche Helfer in 27 Außenstellen des Weißen Rings Opfer von Straftaten.

Kriminalität : Kniffe, damit Trickbetrüger draußen bleiben

Im Land beraten 253 ehrenamtliche Helfer in 27 Außenstellen des Weißen Rings Opfer von Straftaten.

Die Stimme kam ihm vertraut vor. „Eleonore? Bist du das?“, fragte Werner S. in den Telefonhörer. Und tatsächlich schien eine Bekannte, die den Koblenzer Pensionär während einer schwierigen Genesungsphase begleitet hat, am anderen Ende der Leitung zu sein. Und Eleonore hatte plötzlich Geldprobleme. In den nächsten Stunden wähnte S. sich als Helfer in der Not, übergab 8000 Euro. „Ich war hypnotisiert, wollte helfen“, sagt er. Stattdessen wurde er zum Opfer von Trickbetrügern. Die haben Senioren als leichte Beute ausgemacht. Der Weiße Ring möchte das ändern und rückte deshalb am Tag des Kriminalitätsopfers ältere Menschen in den Fokus.

„Wir wollen dazu beitragen, dass sich Täter an Senioren die Zähne ausbeißen“, erklärt Werner Keggenhoff, der Landesvorsitzende der Opferhilfeorganisation, das Ziel der Kampagne „Ohne Furcht ins Alter.“ Enkeltricks und Telefonbetrügereien bilden einen Schwerpunkt in der Präventionsarbeit. Im vergangenen Jahr war auch der falsche Polizist eine beliebte Masche. Experten schätzen, dass vermeintliche Polizeibeamte allein 100 Millionen Euro ergaunerten.

Sie nutzen dazu Momente der Schwäche. „Ich hatte eine komplizierte Herzoperation“, erzählt S.. Seitdem braucht er am Nachmittag eine Ruhepause – wie viele Senioren. Als er gerade auf dem Sofa döste, klingelte das Telefon. „Sie wollte erst 15 000 Euro – und stand angeblich in der Sparkasse in Bad Godesberg“, sagt er. „Die hatte ich nicht, habe dann mit 8000 Euro helfen wollen. Danach habe ich die Dinge einfach vollzogen.“ Heute sagt er: „Ich hätte einen Hinweis, einen kleinen Gedankenanstoß bekommen müssen, um kurz nachzudenken.“

Den bietet eine Broschüre des Weißen Rings ganz konkret mit einem Aufkleber. Der passt genau um den Türspion, fordert auf: „Behalten Sie den Durchblick – Lassen Sie Betrüger draußen stehen.“ Werner S. kam nicht einmal auf eine solche Idee. „Für die Eleonore“, sagt er. „Da würde ich alles tun, wenn sie ein Problem hat.“ Also machte er sich auf zur Sparkassenfiliale in seinem Stadtteil. Dort war nicht genug Bargeld vorhanden. Er wurde weitergeschickt. „Wofür ich das Geld brauche, hat keiner gefragt“, sagt S. Er selbst eilt nach Hause, wo ein Mittelsmann das Geld für Eleonore abholen möchte. Kaum ist er verschwunden, kommen Werner S. Zweifel.

Seine Reaktion ist typisch. Experten des Weißen Rings erklären, dass gerade Senioren in solchen Fällen vor einer hohen Hürde – der eigenen Scham, trotz umfassender Lebenserfahrung auf einen Betrüger hereingefallen zu sein – stehen. „Ich bin doch ehemaliger Lehrer“, sagt S., „Da denkt man doch: Ich weiß, wie man richtig nachfragt.“

Was macht Eleonore bei Bonn? Sie lebt in einem anderen Ort? Wie hat es der Bekannte so schnell nach Koblenz geschafft? Warum hat er Eleonore nicht noch einmal angerufen? Werner S. greift zum Hörer. Seine echte Bekannte ist überrascht, tröstet ihn: „Das Geld ist weg, Werner. Vergiss es. Lass die ihr Fest feiern.“ Auch eine junge Polizistin und die ehrenamtlichen Helfer des Weißen Rings trösten ihn: „Machen Sie sich keinen Kopf.“ „Das war ganz wichtig für mich“, sagt S. heute. „Ich kann mir ja mein eigenes Verhalten nicht erklären. Man ist wie eingefangen.“

Insgesamt beraten im Land 253 ehrenamtliche Helfer in 27 Außenstellen des Weißen Rings Opfer von Straftaten. „Sie setzen oft dort an, wo staatliche Systeme nicht mehr funktionieren“, lobte Innenminister Roger Lewentz das Engagement. In 576 Fällen unterstützte der Verein, der bewusst auf staatliche Hilfen verzichtet, um seine Unabhängigkeit zu wahren, mit Geld oder Geldwerten Leistungen.

Mehr als Geld oder Gold ist aber der persönliche Kontakt wert. Werner S. berichtet vor allem davon, dass er im Gespräch mit dem Weißen Ring gelernt hat, sich künftig zu schützen. „Ich bin am Telefon vorsichtiger geworden“, sagt er. „Ich melde mich zum Beispiel nicht mehr mit meinem Namen und überprüfe die Telefonnummer im Display.“ Verbittert ist er nicht. „Das hat mir sehr geholfen, dass Eberhard vom Weißen Ring gesagt hat: ,Bleib genau so, wie du bist.‘“

Die Ehrenamtler werden an der eigenen Akademie des Weißen Rings ausgebildet. Nicht wenige von ihnen sind ehemalige Polizisten, die ihr Berufsleben mit der Jagd auf Täter verbracht haben. „Das öffentliche Interesse ist üblicherweise beim Täter, nicht beim Opfer“, stellt auch Keggenhoff fest. „Täter kommen oft für eine gewisse Zeit hinter Schloss und Riegel. Opfer kämpfen oft lebenslänglich mit ihren Problemen.

Der enge Draht zum Verein – wenngleich ohne finanzielle Verbindungen – ist auch dem Innenminister wichtig. Polizeibeamte, die ein Seminar beim Weißen Ring belegen, erhalten beispielsweise Sonderurlaub. „Die Geschichten der Opfer sollten auch für jeden Sachbearbeiter bei Versicherungen oder in Behörden ein Wink sein“, sagt Lewentz. „Es geht im Einzelfall immer um menschliche Schicksale.“

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