Marx trifft Jesus

Vor 40 Jahren wollten sie das Karl-Marx-Haus besetzen, diesmal kamen sie als geladene Gäste: Die Organisatoren der ersten 68er-Demo in Trier blickten auf das Geschehen zurück - nachdem sie zuvor einige durchaus aktuelle Parolen am historischen Gebäude angebracht hatten.

Trier. Der Jubilar musste erstmal draußen bleiben: Als Karl Marx, verkörpert durch Helmut Leiendecker, am Abend das Studienzentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung betrat, versperrte ihm eine dichte Menschentraube Nicht-mehr-Hineingekommener den Weg in den Saal - fast wie in der einstigen Klassengesellschaft. Sechs Menschen saßen dort, die nicht nur äußerlich die Heterogenität der 68er-Bewegung aufzeigten. Auf die Frage von TV-Moderator Dieter Lintz, warum denn fast alle Anwesenden Trier damals verlassen hätten, zog der wegen seiner marxistischen Theoriekompetenz seinerzeit als "Philosoph" titulierte Richard Hess ein klares Fazit: "In Trier haben wir einfach kein Bein auf den Boden bekommen." Die "erzkatholische Umwelt" sei den "Gammlern" doch mit besonderem Argwohn begegnet. Man habe schon Schwierigkeiten gehabt, überhaupt ein Versammlungslokal zu finden. Richard Leukefeld erinnerte sich an eine Aktion, als man mit einer Gruppe Langhaariger den "Schwarzen Ochsen" am Hauptmarkt besetzt habe, um durchzusetzen, "dass man Typen wie uns überhaupt bediente". Der spätere Mitbegründer der Trie-rer Grünen war als 15-Jähriger zu jung, um bei der Apo in der ersten Reihe mitzumarschieren, betrachtet das Geschehen im Nachhinein aber als Initiationspunkt für seine Politisierung. Ein anderes Schlüsselerlebnis schilderte Horst Remus, der sich seit zehn Jahren "Jesus" nennt. In der Trierer Clique der zentrale Antreiber, schwor er der Politik ab, als er in Berlin in den 70ern plötzlich in die Mündung einer Maschinenpistole schaute, an der ein offensichtlich überforderter Polizist nervös herumhantierte. "Die könnten dich jetzt hier abknallen - und keiner wird's erfahren. Und wozu ? Für nix", erklärte der Parade-Hippie seine Abkehr vom "revolutionären Kampf". Der ging für Till Meyer da erst so richtig los, in den Reihen der Guerillatruppe "Bewegung 2. Juni". Nachdem er sich im Gefängnis vom bewaffneten Kampf losgesagt hatte, arbeitete er als Journalist. Den politischen Kampf gegen das "System" gab er nie auf. Zum Abschluss ein Spottlied

Meyer blickte schon mal etwas gequält, wenn "Juppy" Becher, seit vielen Jahren Kopf des Berliner Kulturzentrums Ufa-Fabrik, seine launigen Anmerkungen machte. "Juppy", der sich in seiner Autobiografie einen "Revoluzzer" nennt, hat das mit der Revolution offenkundig nie so furchtbar ernst genommen. Der Künstler Bernd Jonas erinnerte daran, dass man mit der Veranstaltung nicht sich selbst, sondern Karl Marx feiern wolle. Er schlug vor, in Trier eine "Marx-Meile" anzulegen, mit im Boden eingelassenen Zitat-Tafeln. Mit dem spontan aus dem Publikum heraus von Alt-Mitkämpfer Udo Lieb intonierten Erich-Mühsam-Spottlied auf die "Revoluzzer" fand der Abend einen pointierten Abschluss, dem noch ein Ausschnitt aus dem "Hair"-Musical in der Tufa folgte. Dann plauschte man auf Einladung von Hausherrin Beatrix Bouvier im Garten des Karl-Marx-Hauses bis in die laue Frühsommernacht.