Zwischen Friedhof und Schlachthof

Zwischen Friedhof und Schlachthof

LUDWIGSHAFEN. Die Erfolgsgeschichte des privaten Radios und Fernsehens begann vor zwei Jahrzehnten unter teilweise kuriosen Umständen. Der Start war ebenso spannend wie holprig.

Die Wiege des privaten Rundfunks in Rheinland-Pfalz, ja in ganz Deutschland, stand zwischen Friedhof und Schlachthof, im Windschatten einer Autobahnauffahrt. Man kann sich charmantere Plätze für historische Weichenstellungen vorstellen als den Ludwigshafener Stadtrand. Und doch war es hier, wo Sat.1 mit Händels Feuerwerksmusik das Zeitalter des Privatfernsehens einläutete. Und von hier aus sendete Radio RPR den ersten Pop-Hit ins Land zwischen Trier, Koblenz und Mainz. Billy Oceans "When the going gets tough, the tough get going" soll es gewesen sein - durchaus beziehungsreich. Denn dem Sendestart war ein monatelanger Poker vorausgegangen, in dem nur die wirklich harten Zocker eine Chance hatten. Der damalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Bernhard Vogel hatte sich bei Helmut Kohls Bundesregierung die Prokura für die ersten Gehversuche außerhalb des öffentlich-rechtlichen Biotops gesichert. Im politischen Raum stieß das zunächst auf vier Jahre begrenzte Experiment keineswegs auf ungeteilte Begeisterung. Unvergessen das Verdikt von Altkanzler Helmut Schmidt: Mit dem Privatfunk lasse man sich "auf eine Gefahr ein, die größer ist als bei der Atomenergie". In Rheinland-Pfalz verteilte ein stürmischer Gewerkschaftsfunktionär namens Manfred Helmes Broschüren, in denen die neuen Medien als "Angriff auf Kopf, Konto und Arbeitsplätze der Arbeitnehmer" bezeichnet wurden. Die Entwicklung scherte sich so wenig um die Bedenkenträger wie um die wissenschaftliche Begleitung des Feldversuchs. Der Markt entschied, und er entschied zugunsten der neuen Anbieter. Doch das konnten die Fernseh- und Radiomacher noch nicht wissen, die in der "Anstalt für Kabelkommunikation", wie der Gebäudekomplex hieß, friedlich nebeneinanderherlebten. Es waren Pionierzeiten, niemand wusste eigentlich genau, wie man Programme machte, Improvisation hieß das Gebot der Stunde. Talentierte Quereinsteiger hatten alle Chancen. Und mancher, der als Praktikant kam, fand sich unversehens am Mikrofon oder vor der Kamera wieder. So wie die Sat.1-Ansagerinnen Susanne Holst oder Gundula Gause, die im meist grell-bonbonfarbenen Sender-Outfit durch die AKK stöckelten. Oder ein Kölner Nachwuchs-Komiker namens Bernd Stelter, der für RPR Sketche lieferte. Am Ende bekam jeder ein Häppchen

Um die politische Akzeptanz zu erhöhen, hatte die Landesregierung den Anbietern umfassende regionale Fenster vorgegeben. Gleichzeitig vergab man, wahrscheinlich weltweit einmalig, die Sendezeit des einzigen Radio-Programms an verschiedene Anbieter. Das war ein Ergebnis des politischen Gerangels im Vorfeld: Mehrere Anbietergemeinschaften aus diversen gesellschaftlichen Spektren wollten die erste private Rundfunk-Lizenz erobern. Am Ende bekam jeder ein Häppchen: Das von Verlegern, Sportverbänden, Kammern getragene Radio RPR durfte 19 Stunden am Tag senden, das unternehmernahe Pro Radio erhielt dreieinhalb Stunden Sendezeit, eineinhalb Stunden gingen an den alternativ angehauchten Linksrheinischen Rundfunk. Mit seiner Sendezeit konnte jeder machen, was er wollte. So sendete RPR um 13.30 Uhr Pop, Pro Radio um 14.30 Uhr Volksmusik, der LR um 16.30 Uhr Punk - alles auf dem selben Sender. In den einzelnen Regionalstandorten beschäftigten sich drei konkurrierende Redaktionen mit den gleichen Themen - alles auf demselben Sender. Es herrschte fröhliche Anarchie, die den Machern Riesenspaß machte. Nur hören wollte es kaum jemand, und deshalb blieben auch die Werbekunden aus. Nach drei Jahren war die Pionierzeit zu Ende, weil alle am Rand der Pleite standen. Der Riese RPR kaufte die Zwerge auf und räumte ihnen im Gegenzug Beteiligungen ein. Die Regionalstudios verloren ihre Selbstständigkeit und wurden im Laufe der Jahre zu Nachrichten-Zulieferern zurechtgestutzt. Und an die Stelle der Vielfalt trat ein radikales, bis ins kleinste Detail vorgestanztes Format-Programm. Damit wurde RPR ab 1990 zur Erfolgsgeschichte. Der Sender eroberte die Marktführer-Position, woran sich bis heute wenig geändert hat. Mit RPR 2 kam ein Senioren-Sender hinzu, der zwar beliebt, aber nicht rentabel war und deshalb durch das Jugendprogramm Big FM ersetzt wurde. Weitere Privatsender erhielten Lizenzen, der öffentlich-rechtliche SWR rüstete im Gegenzug kräftig auf, eröffnete neue Programme, stärkte die regionalen Bezüge. Auch für Sat.1 ging 1990 die Ludwigshafener Pionierzeit zu Ende. Man wechselte selbstbewusst in die Bannmeile des großen Konkurrenten ZDF, ins neue Mainzer Sendezentrum. Privatfernsehen wurde zu einem prägenden Bestandteil der deutschen Medienlandschaft. Der Urknall katapultierte viele seiner Mitgestalter in ganz neue Umlaufbahnen. So wie die Ex-Praktikantinnen Susanne Holst und Gundula Gause, heute "Leading Ladies" bei der ARD-Tagesschau und beim ZDF-Heute. Oder den Gagschreiber Bernd Stelter, heute Kult-Komiker bei RTL. Ach ja: Die vielleicht bemerkenswerteste Karriere machte der kritische Gewerkschafts-Kämpfer gegen die neuen Medien. Manfred Helmes ist inzwischen Chef der früheren AKK und heutigen Landeszentrale für Medien und Kommunikation in Ludwigshafen. Und damit oberster Hausherr im Sendezentrum zwischen Friedhof und Schlachthof.

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