Der mit der Römerbrücke tanzt

Der mit der Römerbrücke tanzt

Das Portal von St. Matthias strahlt, und die Häuser der Windstraße weichen ehrerbietig dem Dom: Wie zärtlicher Witz und zeichnerische Präzision in ein Bild passen, zeigt die Ausstellung des ehemaligen Stadtplaners Michael Strobel.

Trier Auf den ersten Blick sind es einfach vier Türme. Dicht nebeneinander leuchten sie in intensivem Braun, Ocker, Beige und Blau. Fast menschlich wirken ihre Eintracht und das sanfte Hinüberneigen des einen zum anderen. "Das ist der Trierer Dom, der sich da so an die Liebfrauenkirche anlehnt", sagt der Künstler Michael Strobel schmunzelnd beim Rundgang durch seine aktuelle Ausstellung "Vor Ort ... Farben Europas" in der Deutschen Richterakademie Trier. Und tatsächlich: Das Bild, das eben noch eine Gebäudekette am Rand irgendeines Platzes zeigte, verwandelt sich in eine Darstellung der vertrauten Bauwerke rund um den Domfreihof.
Wenn Strobel in Trier oder auch häufig auf Reisen mit Zeichenpapier, Farben und einem Klappstuhl in künstlerischer Mission unterwegs ist, dann durchläuft er den umgekehrten Prozess. "Die Grundlage des Zeichnens ist die Schule des Sehens. Also nehme ich zuerst die Grundstruktur eines Gebäudes oder eines Ortes mit der Feder auf und interpretiere während des Arbeitens das Gesehene. Erst zu Hause koloriere ich, seit kurzem meistens mit den kräftigen Farben des Schellacks."
Das klingt technisch, doch für Strobel sind individuelle Eindrücke und das eigene Erspüren der Umgebung zentral - deshalb nimmt er sich für das erste "Hineinsehen" in eine Umgebung bis zu vier Stunden Zeit. Um dem Betrachter seine persönliche Wahrnehmung nahezubringen, greift der Künstler gerne auf die Stilmittel der Verfremdung und Überzeichnung zurück. Deshalb sind die ganz unterschiedlich gestalteten historischen Baustufen des Domes auch auf Strobels Bild in strahlenden Farben voneinander abgesetzt.
Richtschnur und Inspirationsquelle zugleich ist dem ehemaligen Stadtplaner vor allem bei Trierer Motiven die Lokalgeschichte; zum Beispiel wenn er den heute dort nur noch im Untergrund fließenden Weberbach künstlerisch wieder an die Oberfläche des Domfreihofs holt oder den ehemals 28 Meter hohen Turm Jerusalem wieder zu voller Größe hinter dem Palais Walderdorff aufbaut. Auch die Zypressen, die sich wie grüne Regenschirme zu Füßen des Doms aufspannen, sind bewusste Reminiszenzen an das römische Trier.
Doch zu Strobels Stil gehören auch augenzwinkernde Details, die sich in so gut wie jedem der 67 Bilder der Ausstellung finden lassen. Seien es bunte Fantasievögel, das wie bei einer Kaffeekanne aufgeklappte Dach der Heilig-Rock-Kapelle oder dass gleich die ganze Römerbrücke zu tanzen beginnt - Ironie und Witz lassen sich an jeder dieser liebevoll dem Motiv abgelauschten, oder besser "abbeobachteten", Feinheit erkennen. "Der Betrachter soll durch meine Bilder einen bekannten Ort neu entdecken", sagt der Künstler.
Wie eng die Beziehung des gebürtigen Rüdesheimers Strobel zu vielen Trierer Bauwerken ist, verrät ein Blick in seine berufliche Vita: Nach dem Architekturstudium in Kaiserslautern und einer kurzen Tätigkeit in einem Architekturbüro wechselte Strobel Anfang der 1980er Jahre als Referent in das Baudezernat der Stadt Trier. 34 Jahre lang arbeitete er im Rathaus, 15 Jahre lang als Leiter des Hochbauamtes und anschließend, bis zu seinem Ruhestand Anfang dieses Jahres, im strategischen Gebäudemanagement. Zu seinen Projekten gehörten die Umgestaltung des Viehmarktplatzes und die Sanierung des Südbads.
Strobel weiß aus Erfahrung, dass Bauvorhaben nicht immer positiv aufgenommen werden. Hier setzt die Arbeit des in diesem Jahr gegründeten Vereins "Baukultur Trier" an, dessen Mitglied Strobel ist. "Als Architekten und Künstler haben wir uns zusammengeschlossen, um Hilfestellung für Bürger und Politik zu geben: Eine frühzeitige Kommunikation und die Einbeziehung der Trierer in Planungen der Stadtentwicklung sind unerlässlich für deren Gelingen. Hier wollen wir vermitteln."
Und wie sieht die Zukunft sonst für den 66-Jährigen aus? Von Ruhe im Ruhestand ist nichts zu spüren. "Ich möchte weiter malen, mich weiterentwickeln und neue Techniken und Farben ausprobieren." Die nächste Ausstellung steht bereits an: Im März 2018 zeigt Michael Strobel seine Bilder in der Sektscheune in Nittel.
Extra: ÖFFNUNGSZEITEN DER AUSSTELLUNG


Die Ausstellung "Vor Ort ... Farben Europas" mit Bildern von Michael Strobel kann noch bis zum 12. Oktober in der Deutschen Richterakademie Trier besucht werden. Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag von 9 bis 16.30 Uhr, Freitag von 9 bis 14 Uhr. Eintritt frei.

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