Von der Rebe ins Regal

Rotwein, Weißwein und Rosé: In der Weinkellerei Peter Mertes in Bernkastel-Kues gibt es sie alle. 200 Millionen Liter Wein füllt die Kellerei pro Jahr ab. Mitinhaber Michael Willkomm gewährt dem TV einen Einblick in seine Produktionsstätte.

Bernkastel-Kues. Sie scheinen so aufgeregt! Dicht an dicht drängen sie sich. Es klirrt, es klappert, es klackert. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Aber keine schafft es, sich vorzudrängeln, auch wenn jede einzelne es noch so versucht. Und so wandern sie, eine nach der anderen, in Richtung Abfüllmaschine.

Hunderte Flaschen müssen es sein, die sich in diesem Moment auf dem Förderband in der Produktionshalle der Weinkellerei Peter Mertes in Bernkastel-Kues tummeln. Rund 16 000 füllt die Maschine in einer Stunde ab. Erbarmungslos schnappt sie die braunen Flaschen beim Hals, dreht sie um und spült sie aus, bevor sie endlich den Rebensaft in sie füllt.

Kellerei wurde 1924 gegründet



An anderer Stelle geht es weniger hektisch zu. Nur wenige Schritte entfernt faltet eine weitere Maschine gemächlich Kartons, in die nebenan die Flaschen gepackt werden. Sechs pro Kiste. Es pfeift und zischt. Die Faltmaschine arbeitet unermüdlich. "Alles automatisch", sagt Michael Willkomm stolz. Der 60-Jährige ist Mitinhaber der Weinkellerei, die sein Großvater Peter Mertes 1924 gegründet hat. Beim Rundgang durch die Produktionshalle wird klar: Hier wird Wein in Massen abgefüllt. Rund eine Million Flaschen pro Tag. 200 Millionen Liter im Jahr. Weltweit gebe es nur rund 15 Betriebe, die bei dieser Dimension mithalten könnten, sagt Willkomm.

Sein Unternehmen hat sich auf den Lebensmitteleinzelhandel spezialisiert, 80 Prozent des Weins werden dort verkauft. Das Problem dabei sei, sagt Willkomm, dass die Weine einen gewissen Standard erfüllen und gleichzeitig in einer Menge vorhanden sein müssten, die sich vermarkten lasse. Die Kellerei Peter Mertes bringe daher Weine unter weitgefassten, weinrechtlich festgelegten Begriffen oder Rebsortenbezeichnungen auf den Markt. "Wie ,Mosel Qualitätswein' beispielsweise. Das bezeichnet lediglich das Weinbaugebiet", erklärt Willkomm. Man könne eben nur große Mengen abfüllen, wenn man sich geografisch nicht zu stark eingrenze. "Das differenziert uns von den Winzern und Weingütern, die näher am Terroir arbeiten. Wir können und wollen das nicht leisten als große Kellerei."

Wie groß die Bernkastel-Kueser Kellerei ist, wird bei einem Blick ins Lager klar. Eine 15 Grad kühle, klare Luft bildet dort den Kontrast zur warmen, süßlich nach Alkohol riechenden Atmosphäre in der Produktionshalle. Palette um Palette stapelt sich dort über und nebeneinander, jeweils bestückt mit vier Lagen à 25 Kisten. Also 600 Flaschen. Allein 17 000 Quadratmeter Platz hat die Kellerei Mertes in diesem Lager. In einem weiteren gibt es noch einmal 12 000 Quadratmeter.

Bevor die Flaschen dort gut verpackt ankommen, werden sie über Förderbänder, die hoch über den Köpfen der Mitarbeiter laufen, zur Palettierung geführt. Lage um Lage werden die Paletten von großen Greifarmen bestückt, die die Kartons mit ihrem zerbrechlichen Inhalt behutsam aufeinandersetzen. Maßarbeit. Die fertige Palette wird mit elastischer Folie umwickelt und wandert dann auf einer Hängebahn in Richtung Lager. "Und alles läuft automatisch", betont Willkomm erneut. Lediglich drei Mitarbeiter bedienen die Füllstraße.

Die Hängebahn, erzählt Willkomm, habe er sich aus der Automobilbranche abgeschaut. Dort würden damit schwere Teile transportiert, ehe sie eingebaut würden. 1994 habe er das System installiert. Pioniere seien sie damals gewesen, berichtet er.

Nach Pionierarbeit sieht der eigentliche Weinkeller indes nicht aus. Eher futuristisch mutet er an mit seinen enormen, 22 Meter hohen Edelstahltanks. Die kleinsten von ihnen fassen 60 000 Liter, die größten 250 000. Wie viele Tanks sich in dem riesigen Raum aneinanderreihen, vermag Willkomm nicht zu sagen. 52 Millionen Liter Tankraum stünden der Kellerwirtschaft jedoch zur Verfügung. Gewölbekeller-Romantik? Weit gefehlt! Obwohl Willkomm auch das im Angebot hätte. In der Altstadt von Kues bewirtschaftet die Kellerei Peter Mertes einen großen historischen Gewölbekeller, in dem ausschließlich Barriquefässer voll mit Rotwein lagern. 1500 Eichenholzfässer seien es inzwischen: "Der größte Barriquekeller Deutschlands", sagt Willkomm.

Der überwiegende Teil seiner Weine wandert jedoch nicht in die altmodischen Holzfässer, sondern in die modernen Edelstahltanks und verlässt in Flaschen, Tetrapaks und als Bag-in-Box das Lager in Richtung England, Skandinavien, Russland, Polen, Asien oder USA. 40 Prozent mache der Export aus, sagt Willkomm. Der Rest geht in die Supermarktregale der Republik.

Flaschen mit preisgekröntem Design



In seiner Abteilung für Produktentwicklung hat er ein solches Regal aufgebaut. Im Angebot: alles, was die Kellerei zu bieten hat. Flaschen von klein bis groß, von blau bis braun, von schlank bis bauchig. Auch ein preisgekröntes Modell ist dabei, das einem Parfümflakon gleicht. Keine schlechte Entscheidung, wenn man bedenkt, dass 70 Prozent der Kaufentscheidungen vor dem Weinregal von Frauen getroffen werden. Kein Wunder also, dass dieser Wein besonders bei der Damenwelt gut ankommt. Ein Erfolg der Produktentwicklung: "Es ist mit die anspruchsvollste Aufgabe", meint Willkomm. "Wenn man die nicht gut macht, dann nützt alles nichts." In den Riesensortimenten der Supermärkte müssten die Weine eben durch ihr Äußeres bestechen.

Das proppenvolle Regal der Kellerei Mertes bietet da eine große Auswahl - auch an Weinsorten. Neben Rotwein, Weißwein und Rosé finden sich da Spielereien wie "Apple Cidre" und ein Cola-Rotwein-Gemisch. Warum auch nicht? Wein sei ein faszinierendes Produkt, stehe für etwas Großes, Mystisches, Kulturelles, schwärmt der studierte Volkswirt Willkomm. "Es gibt so viele Früchte auf der Welt, alle enthalten Zucker, alle kann man vergären", sagt er. "Aber nur eine Frucht schafft es aus sich selbst heraus - ohne, dass man was zutut -, ein schmackhaftes Getränk zu werden: die Weintraube Vitis Vinifera."