"Wir sitzen in der Zeitfalle"

"Wir sitzen in der Zeitfalle"

Die anfängliche Goldgräberstimmung ist gewichen, in Sachen Windkraft macht sich bei den Kommunen Ernüchterung breit. Umweltauflagen, bedrohte Tierarten und die zu schützende Kulturlandschaft erweisen sich beim Bau neuer Windräder als unerwartet hohe Hindernisse.

Trier/Schweich/Waldrach. Als nach der Atomkatastrophe von Fukushima in Deutschland die Energiewende ausgerufen wurde, sahen viele Gemeinden ihre Stunde gekommen: Der Bau von Windrädern oder Photovoltaikanlagen sollte Geld in die klammen Haushaltskassen spülen. Endlich sei Schluss mit der jahrelangen Mangelverwaltung und man könne sich wieder etwas leisten - das hofften auch viele Kommunen in der Region Trier. Als das Land sie dann auch noch mit mehr Freiheiten bei der Ausweisung von Windkraftstandorten ausstattete, schien das kommunale Glück perfekt. Doch die Umsetzung an der Basis erweist sich bisher als das Bohren dicker Bretter, wie ein Blick in die Verbandsgemeinden Ruwer, Schweich und Trier-Land zeigt.

Verbandsgemeinde Ruwer: "Es sind viele Punkte aufgetaucht, die der Euphorie entgegenwirken", sagt Bürgermeister Bernhard Busch. Insbesondere sind es Wasserschutzgebiete und das Vorkommen der Mopsfledermaus im Osburger Hochwald, die die Planungen ausbremsen (der TV berichtete). Von ursprünglich angedachten 50 Windrädern könnten gerade mal zwölf bis 15 übrig bleiben, befürchtet Busch. Er kritisiert das Land: "Die haben das nicht richtig durchdacht und das Raster zu grob angelegt." Wenigstens habe ein Artenschutzgutachten mehr Klarheit gebracht. Nun wisse man wenigstens, wo schützenswerte Vögel oder Fledermäuse sein könnten, meint der Verwaltungschef. Dort könne man nun tiefer gehende Untersuchungen machen. Sechs Verbandsgemeinden haben die Studie in Auftrag gegeben und bezahlt, der Kreis hat die Umsetzung koordiniert. Was die in der Studie ausgewiesenen "konfliktarmen" Gebiete betrifft, möchte der Bürgermeister noch vor der Sommerpause den Flächennutzungsplan der VG Ruwer voranbringen. Nähere Erkenntnisse zu Mopsfledermaus & Co., die sich überwiegend in Waldgebieten aufhalten, soll ein vom Mainzer Umweltministerium in Auftrag gegebenes landesweites Gutachten bringen. In einem Jahr soll es vorliegen. Busch hat Zweifel, ob die Einspeisevergütung dann noch so hoch ist, dass sich die Windräder rechnen: "Wir sitzen in der Zeitfalle."

Verbandsgemeinde Schweich: Am 19. März, dem Termin der nächsten Sitzung des Verbandsgemeinderates, will die "Arbeitsgruppe Wind" ihre Empfehlungen für die Fortschreibung des Flächennutzungsplans vorlegen. Durch den Winderlass der Landesregierung (der TV berichtete), herrsche nun Klarheit über die harten Kriterien wie Abstände zu Wohnbebauung, Windhöffigkeit und Naturschutzgebiete, meint Gerhard Spieles von der VG-Verwaltung. Ein Unsicherheitsfaktor seien noch die historischen Kulturlandschaften. Hier hat die Regionale Planungsgemeinschaft Trier den Auftrag, die exakten Gebiete festzulegen (siehe Extra). Derzeit liefern acht Windräder in der VG Schweich Strom, alle stehen im Windpark Mehring. Wie viele dazukommen werden? "Schwer zu sagen", meint Spieles, "das ist wie Kaffeesatz lesen."
Roland Wernig von der Planungsgemeinschaft Region Trier glaubt, dass ab dem Sommer "Dynamik" in die Windkraft-Flächennutzungspläne kommt. Mit rund 500 Windrädern ist die Region Trier vergleichsweise schon gut bestückt. Wernig schätzt auch das weitere Flächenpotenzial optimistisch ein: "Die Zahl der Windräder könnte sich in 20 Jahren verdoppeln."

Verbandsgemeinde Trier-Land: Windräder gibt es bei Welschbillig und Trierweiler, weitere sind an der Autobahn bei Igel und in der Nähe von Ralingen-Olk, Franzenheim und Zemmer geplant. Ein Aha-Erlebnis gab es kürzlich im Verbandsgemeinderat Trier-Land, weil einigen Herren in Rat und Verwaltung offenbar nicht bekannt war, dass das auch von Trier-Land beauftragte Artenschutzgutachten nicht mehr ist als eine Zusammenfassung bisher bekannter Informationen. "Ich bin entsetzt, dafür haben wir so lange gewartet?", echauffierte sich SPD-Fraktionschef Edgar Schmitt. Er und andere waren davon ausgegangen, dass die Gutachter das Vorkommen schützenswerter Arten vor Ort ausgekundschaftet haben, um verwertbare Erkenntnisse für mögliche Ausschlussgebiete im Zuge der Flächennutzungsplan-Aufstellung zu bekommen. Was leistet das Artenschutzgutachten wirklich? Muss Trier-Land nun weitergehende Gutachten beauftragen und müssen die Gemeinden sich über die Umlage an deren Kosten beteiligen? Die Verwaltung will sich schlau machen und bald in einer Ausschusssitzung Handlungsempfehlungen geben.Extra

"Bedeutsame historische Kulturlandschaften" möchte das Land von Windrädern frei halten. In der Region Trier seien dies überwiegend das Mosel- und Saartal, aber auch die Sauer und an die Mosel angrenzende Teile des Hunsrücks, meint Roland Wernig. Er ist Chef der Planungsgemeinschaft Region Trier, die die diesbezüglichen Vorgaben des Landes konkretisieren soll. Wernig schätzt, dass regionweit ein Zehntel der Flächen Kulturlandschaften sind. Damit wolle man beispielsweise Burgen, Kirchen oder besondere Landschaftsformationen schützen, "aber sicher nicht jedes Wegekreuz". Die Windkraft ist nur ein Aspekt des neuen Raumordnungsplans, der derzeit überarbeitet wird. Weitere Punkte betreffen die Rohstoffsicherung, Verkehrsprojekte und Siedlungsgebiete. alf

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