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Auf dem Weg nach Spanien zu sich selbst finden

So viele Pilgerstempel wie der Trierer Wolfgang Wilke (rechts) hat keiner der Pilger in seinem Pilgerbuch. Beim Jakobus-Abend hat ihnen der erfahrene Pilger viele Tipps gegeben. TV-Foto: Ludwig Hoff
So viele Pilgerstempel wie der Trierer Wolfgang Wilke (rechts) hat keiner der Pilger in seinem Pilgerbuch. Beim Jakobus-Abend hat ihnen der erfahrene Pilger viele Tipps gegeben. TV-Foto: Ludwig Hoff
Viele Menschen sind zum Jakobus-Abend gekommen, um Informationen zu Pilgerreisen nach Santiago de Compostela zu sammeln. Zuvor hatten die Pilger den geistlichen Segen in der Marktkirche St. Gangolf erhalten.

Trier. Viele Wege führen nach Santiago de Compostela, aber für Nina Kohns und die anderen Pilger zählt nur der eine: Sie wollen zu Fuß in die weltberühmte spanische Stadt nach Galizien pilgern; und zwar auf dem Jakobus-Weg.
Bei der 32-Jährigen ist es in zwei Wochen soweit: Von Saint-Jean-Pied-de-Port aus will sich die junge Frau aus Kanzem aufmachen. Von dem französischen Städtchen aus sind es 800 Kilometer auf der klassischen Pilgerroute, wofür Nina Kohns vier Wochen eingeplant hat. Mental sei sie bestens vorbereitet, an ihrer körperlichen Fitness will sie noch arbeiten, meint sie augenzwinkernd. Eines will sie auf gar keinen Fall erleben: Als "Fußkranke" den Pilgermarsch vorzeitig abbrechen zu müssen. Doch daran mag sie überhaupt nicht denken: "Jetzt ist der richtige Zeitpunkt zu gehen", lautet ihre felsenfeste Überzeugung.
Den Jakobus-Abend im Gemeindesaal der Pfarrei Trier-Liebfrauen nutzen 40 Interessierte, um sich zu informieren. Als profunder Kenner erweist sich Wolfgang Wilke. Der 73-Jährige ist den "camino de santiago" bereits insgesamt neun mal gegangen. Und jedes Mal kehrt er mit neuen Eindrücken heim, schwärmt der Trierer, und begeistert mit seinen Erzählungen die Zuhörer.
Seine Tipps beginnen bereits zu Hause: Bahn-Reisenden gibt er den Rat, die Fahrkarte nach Frankreich oder Spanien zum Pilgerstart nicht in Trier, sondern in Luxemburg zu lösen. Beim Nachbarn sei das Ticket viel günstiger zu haben.
Kerkelings Buch ist überholt



Pilgern, die sich in Hape Kerkelings Erfolgsbuch schlau gemacht haben, antwortet Wilke so: Die Geschichten gehen auf das Jahr 2001 zurück. Vieles sei inzwischen besser geworden, etwa die sanitären Einrichtungen in den Herbergen und sonstigen Unterkünften. Insofern sei Kerkelings Buch nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand.
Und auch mit Folgendem räumt Wilke auf: Bis in den späten Abend Rotwein trinken und morgens als einer der Ersten aufzustehen, funktioniere nicht. Breit gemacht unter den Pilgern habe sich die moderne Kommunikationstechnik: "Nicht selten klingeln noch in der Nacht Han dys. Nervig für diejenigen, die weiterschlafen wollen." Denn die Gemeinschaftsschlafsäle zählten bis zu zehn Betten.
Nicht einen Meter ihres gemeinsamen Pilgerweges von über 750 Kilometern hat ein 54-jähriges Ehepaar aus dem saarländischen Losheim bereut. "33 Tage waren wir unterwegs", sagt der Mann: "Wir sind viel gemeinsam gegangen, aber auch einige Male mit Abstand voneinander. "Schon ab der Mitte des Weges sei der Kopf frei gewesen", schwärmt die Frau: "Wir haben keine Uhr mehr gebraucht und die Tage einfach auf uns zukommen lassen."
Den richtigen Zeitpunkt hat Waltraud Büchel (52) aus Osburg für sich gefunden. Ende Mai 2012 will sie sich ganz allein auf den Weg machen und von Saint-Jean aus starten. Dies bedeutet eine Strecke von 800 Kilometern. Angst habe sie keine, sagt sie selbstbewusst. Ihr Mann würde sie sonst gar nicht gehen lassen: "Einmal zu sich selbst finden", wünscht sie sich. Wer auf dem Hauptpilgerweg bleibe, brauche sich nicht zu fürchten, wenn er alleine geht, weiß Wolfgang Wilke. Bestätigt wird dies von Petra Müller (Name von der Redaktion geändert).
Die 31-jährige Triererin war die 800 Kilometer alleine gestartet. Bereits nach einigen Tagen traf sie österreichische Mitpilger, die ein so schnelles Tempo drauf hatten, dass sie weniger als die ursprünglich geplanten vier Wochen brauchte. Schon im September will sich die junge Frau eine andere Etappe vornehmen. "Ich habe einen Narren am Pilgerweg gefressen", sagt sie. LH