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Reportage aus Trier-Pfalzel: Seit Jahren stinkt's, jetzt ist das Klima vergiftet

Luftbild von Trier-Pfalzel Seit 2013 gibt es zahlreiche Beschwerden wegen des Gestanks in dem Stadtteil an der Mosel.
Luftbild von Trier-Pfalzel Seit 2013 gibt es zahlreiche Beschwerden wegen des Gestanks in dem Stadtteil an der Mosel. FOTO: Portaflug Föhren
Trier-Pfalzel. Die Pfalzeler streiten mit der Firma Eu-Rec im Trierer Hafen über die immer wiederkehrende Geruchsbelastung - Unser Kollege hat vor Ort mit den Anwohnern gesprochen. Michael Schmitz

Die Wahrheit sollen wir schreiben, einfach nur die Wahrheit. Mehr als einmal sagt das Mathilde Mattes an diesem Nachmittag. Was nicht die Wahrheit ist, sagt sie auch gleich dazu: "Wir bilden uns das nicht ein. Wir sind keine Spinner." Sie redet über den Geruch in Pfalzel, der für sie kein Geruch ist, sondern ein Gestank. Sie redet über verlorenes Vertrauen in die Behörden, in die Firma, die den Geruch verursacht, in die Medien und, ja, auch in den TV. Die Wahrheit schreiben - das ist selbstverständlich für Journalisten. Aber wie so oft ist die Wahrheit nicht ganz einfach zu finden. Deshalb soll es bei diesem Besuch weniger um die Ursachensuche gehen, auch nicht um die Behörden oder die Politiker, sondern um die Menschen in Pfalzel. Spricht Mathilde Matthes tatsächlich für viele? Ein Ortstermin.

"Eine Mischung zwischen Verwesung, Fäkalien und Kotze." So drastisch wie Mathilde Mattes beschreiben nicht alle Pfalzeler den Gestank, aber bei vielen ihrer Freunde fallen ähnliche Worte. Seit 2013 sorgt Gestank immer wieder dafür, dass es viele Beschwerden aus dem Stadtteil an der Mosel gibt, den viele trotz seiner 3500 Einwohner als "unser Dorf" bezeichnen. Die Firma Eu-Rec, die aus Plastikmüll Plastikwertstoff macht, wird für den Gestank verantwortlich gemacht. Sie liegt nur durch ein kleines Wäldchen getrennt von einem Pfalzeler Wohngebiet im Trierer Hafen. Behördlicherseits, von der Aufsichtsbehörde Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord (SGD), wird sie mittlerweile genau unter die Lupe genommen. Am Wochenende rund um den Wahlsonntag war der Gestank wieder da. Die Erinnerungen in Pfalzel sind noch frisch, die Wut ist auch fast zwei Wochen später noch groß. "Es war unmöglich, durch den Blumenweg zu gehen", sagt Mathilde Mattes. "Es hat sich mir gehoben." Sie habe aufgrund des Gestanks schon mehrfach gebrochen, sagt sie. Unverständnis und Enttäuschung, so beschreibt sie ihr Verhältnis zum Chef der Firma Eu-Rec, Willi Streit. Enttäuschung auch über die SGD Nord. "Wir fühlen uns allein gelassen, laufen gegen eine Wand, die für uns unsichtbar ist."

Lug, Trug und Schwindel. Die Worte, die Ute Monzel für die SGD und die vorgelegten Gutachten findet, sind noch drastischer. In ihrem Friseursalon in der Freiherr-vom-Stein-Straße macht sie am Telefon noch schnell einen Kundentermin klar, dann ist sie sofort im Thema. Und auf 180. "Was hier abgeht, ist nicht normal. Du kannst keine Tür aufmachen, du kannst kein Fenster aufmachen." Ihre Kunden seien aufgebracht, ein Kollege habe sich schon krankschreiben lassen, als es einmal so stark gestunken habe. "Eine Mischung aus allem, was ekelhaft ist" - so beschreibt sie den Geruch. "Ich wohne in Schweich Issel. Wenn da ein Bauer mit seinem Gülle-Wagen durchfährt, das ist Duft dagegen." Vertrauen in die Behörden? "Ich glaub an gar nichts mehr. Das geht jetzt über Jahre hinweg, und wir sind betroffen."

Zum Büschweg, der noch ein Stück weiter entfernt von der Firma Eu-Rec liegt als Monzels Friseursalon. Sarah Lorenz, die im Haus Nummer 26 wohnt, zeigt auf den Hof mit Garten und sagt: "Wenn der Gestank kommt, kann man nicht mehr draußen frühstücken. Die Kinder können nicht mehr draußen spielen. Die Lebensqualität ist massiv eingeschränkt." Sobald man den Geruch wahrnehme ("wie ein faulendes Fass mit Erbrochenem und Kot"), begleite der einen den ganzen Tag. "Wenn wir Besuch aus Bonn hatten, habe ich mich geschämt für den Geruch."

Ali Pektar betreibt in der Steinbrückstraße das Pfalzeler Kebap & Pizzahaus, das für den Stadtteil viel mehr ist als nur ein kleiner Dönerladen. An der Theke wird das Dorfgespräch geführt. Wenn etwas los ist, kriegt Pektar das als einer der ersten mit. "Sobald der Gestank da ist, ist die Stimmung an der Theke gereizt", sagt der 33-Jährige. Die Leute schimpften dann auf die Firma. "Das ist schon sehr emotional", sagt er, schmunzelt dabei aber noch. Doch gut zu sprechen ist auch er nicht auf die Eu-Rec. "Für unsere Sommerterrasse ist der Gestank sehr geschäftsschädigend. Letztes Jahr sind uns viele Gäste von der Terrasse weggelaufen. Da wird's einem so übel, da hat man keinen Appetit mehr." Er müsse als Gastronom viele Auflagen erfüllen, da verstehe er nicht, warum das bei der Eu-Rec nicht auch so genau kontrolliert werde. Und wenn Firmenchef Streit einen Döner bei ihm essen wollte? Pektar schmunzelt. "Ich würde ihn wahrscheinlich gar nicht reinlassen."

Zu Ali Pektar geführt hat uns Mathilde Matthes. Mit vielen der schärfsten Eu-Rec-Kritiker ist sie gut bekannt. Daher nun eine Zufallsanfrage an Pfalzeler, die Matthes uns nicht empfohlen hat. Im hinteren Bereich des Kebabhauses sitzt eine achtköpfige Herrenrunde. Stammtisch, jeden Mittwoch. Viez, Bier, Rotwein stehen auf dem Tisch, es wird viel gelacht. Als sich der Reporter hinzusetzt und das Thema Eu-Rec anspricht, wird es schnell still. Während Horst Guthörl erzählt, gibt es viel zustimmendes Nicken. Guthörl sagt, er wohne nur 100 Meter Luftlinie von der Firma entfernt. Auch er wählt drastische Worte. "Die Firma terrorisiert den kompletten Stadtteil seit drei Jahren." Man fühle sich veräppelt. Was passieren müsse, damit es aufhört? "Zumachen", ruft ein Senior vom anderen Ende des Tisches, "ihm verbieten, die dreckige Folie zu benutzen", ein anderer. Zumachen - so weit will Guthörl nicht gehen, aber auch er findet: "Der muss sich an die Auflagen halten."

Auf dem Weg ins Dorfzentrum sprechen wir einen weiteren Pfalzeler zufällig an. Thomas Knopp wohnt am Spielesplatz, also gleich dort, wo der Stadtteil seine romantischsten Ecken hat. "Die Stimmung ist unterirdisch. An dem Wahl-Wochenende war es unerträglich", sagt Knopp. Auch sein Vertrauen in die Behörden ist erschüttert. Das Vertrauen in die Eu-Rec sowieso. Die Filteranlage sei am letzten Gestank-Wochenende verstopft gewesen, das habe er im TV gelesen. "Und der lässt die Produktion einfach weiterlaufen", sagt Knopp, "das ist ein Unding."

Alexandra und Thomas Müller wohnen ebenfalls am Spielesplatz. Auch sie bekämen den "unbeschreiblichen Gestank" mit, obwohl sie weiter entfernt von der Firma lebten, erzählen die beiden. "Ein ganzes Dorf wird in stinkende Geiselhaft genommen, und das schon seit Monaten", sagt Müller. "Seit Jahren", korrigiert seine Frau. Wäre die Eu-Rec ein Unternehmen, das sich um Kundschaft sorgen müsste, dann könnte sich die Firma so einen Ruf in der Öffentlichkeit nicht erlauben, sagt Müller, zieht Vergleiche zu seinem Busunternehmen und zeigt sich als Lokalpatriot. "Wir sind ja alle Pfalzeler. Wir lieben diesen Stadtteil. Das ist für uns der schönste Stadtteil. Aber er verliert beachtlich an Lebensqualität."

Gibt es tatsächlich niemanden in Pfalzel, der das anders sieht? Am Stammtisch im Kebaphaus hat sich einer der älteren Herren auffällig zurückgehalten. Es ist Hans-Jürgen Wirtz, Vorsitzender des Bürgervereins Pfalzel. Wirtz hat eine andere Sichtweise auf die Probleme, und er sagt, auch er spreche für viele Pfalzeler. Beim Bürgerverein mit seinen 60 Mitgliedern gingen deutlich weniger Beschwerden ein, nachdem im Sommer viele Maßnahmen in der Firma umgesetzt worden seien. Aus Gesprächen mit Leuten direkt anliegender Straßen folgert er: "Es kommt ab und zu mal so ein Wölkchen rüber. Aber erstens ist es sehr selten und zweitens beileibe nicht mehr in der Intensität, die es früher hatte." Das Stink-Wochenende rund um den 13. März ist für ihn "ein Ausreißer, den wir uns besser gespart hätten. Dann ist die Stimmung gleich wieder schlecht." Es gebe einen harten Kern von Eu-Rec-Kritikern, so beschreibt er die Lage. Die machten Stimmung. Wirtz sieht die Lösung aber nicht in der Konfrontation, sondern in Gesprächen. Deshalb hält er auch den Kontakt zu Firmenchef Streit, ist regelmäßig in der Firma und lässt sich zeigen, was dieser gegen den Gestank tut. Schon vor zehn Jahren war er mit dem Bürgerverein aktiv, als es Probleme mit dem Trierer Stahlwerk im Trierer Hafen gab. "Auch da bin ich oft gewesen. Und da ging's ja um schlimmere Sachen als Gestank, da ging's um Dioxine und Schwermetalle in hohem Ausmaße." Die ganzen Hetzereien, meint Wirtz, helfen uns doch nicht weiter.

Am nächsten Tag Besuch im Trierer Hafen. Die Firma Eu-Rec ist in Sachen Müllsortierung nicht allein. Riesige Firmengelände reihen sich aneinander, der Zweckverband ART mit seiner gewaltigen Sortieranlage, die Recycling-Firma Steil mit gigantischen Abfallbergen - und schließlich die Eu-Rec. Firmenchef Willi Streit empfängt die Besucher in seinem Büro, das hoch oben in der 17 Meter hohen Halle zu hängen scheint. Er wolle die Pfalzeler nicht ärgern, sagt er gleich. Wenn es Gerüche gebe, dann mache er das nicht extra. Dann zählt er auf, welche Investitionen er getätigt hat, um die Belastung zu senken. Von Aktivkohlefiltern ist die Rede, von der Ionisierungsanlage, von diversen Iso-Zertifizierungen seines Betriebs mit den 35 Mitarbeitern. Wenn er über den vibrierenden Boden der Halle läuft und erzählt, wie seine Anlage aus den Plastikresten einen Wertstoff macht, der dann von seinen Kunden zu diversen Kunststoffen weiterverarbeitet wird, wenn er davon schwärmt, wie sauber sein Betrieb doch sei, dann merkt man, dass er mit Leib und Seele seinen Job macht. Zugleich ist er aber auch ein streitbarer Kämpfer, der sich mit einigen Pfalzelern gerichtlich auseinandersetzt, der längst nicht allen Gestank-Meldungen traut, die von den Pfalzelern an die SGD Nord gehen und ihm weitergeleitet werden, und der sich selbst ein wenig auch als Opfer sieht. Er werde beschimpft, er werde bedroht. Und das lasse er sich nicht gefallen. "Wenn es Gerüche gibt, dann können die Leute uns anrufen und uns das vernünftig sagen. Aber nicht in den Hörer plärren und ‚du Sau' rufen."

Für Streit ist der Gestank kein Gestank, sondern eher Geruch - womit wir wieder am Anfang wären. "Wenn ich in der Halle bin, an der Anlage, und das rieche, dann ist das für mich das Leben." Was für ihn das Leben ist, verdirbt anderen, zumindest zeitweise, die Lebensqualität - das ist wohl der Kern des Konflikts.

Ein wenig Hoffnung gibt es nach dem Ortstermin dann doch, und deshalb muss zum Schluss doch noch von einem Politiker die Rede sein. Der Trierer Baudezernent Andreas Ludwig hat sich in jüngster Zeit des Themas an- und die Stadtwerke Trier mit ins Boot genommen.

Die Eu-Rec darf in einem Großversuch seit einigen Tagen 60 Kubikmeter Waschwasser, mit dem die Folien gereinigt werden, täglich in die Abwasserleitung, also Richtung Ehranger Kläranlage, laufen lassen. Bisher kam alle paar Tage ein Tanklaster eines Eifeler Entsorgungsbetriebs aufs Gelände, der die stinkende Brühe mitnahm. Streit wird also wesentlich mehr Wasser zur Reinigung einsetzen, das wird deutlich weniger stinken und häufiger ausgetauscht werden. "Wenn wir das machen können, ist die Geruchsbelastung weg. Da bin ich fest von überzeugt", sagt Willi Streit. Ihm und den Pfalzelern wäre es zu wünschen.