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Justiz
Zeugin spricht von erzwungenem Sex

FOTO: Klaus Kimmling / TV
Trier. Überraschende Wende im Prozess um den Vorwurf der Zwangsprostitution: Eine Studentin wirft dem 20-jährigen Hauptangeklagten vor, er sei gegen ihren Willen mit ihr intim geworden. Von Jörg Pistorius
Jörg Pistorius

Der 20-Jährige auf der Anklagebank ist von seiner Wirkung auf Frauen überzeugt. „Ich habe irgendwas an mir, das Frauen dazu bringt, sich immer gleich in mich zu verlieben“, hat er schon am ersten Verhandlungstag vergangene Woche gesagt. Er steht vor Gericht, weil er eine 27-Jährige gezwungen haben soll, in Trier und Düsseldorf als Prostituierte zu arbeiten (der TV berichtete mehrmals).

Diese Frau hat bereits am Montag vor Gericht über mehrere Stunden ausgesagt, auf Antrag ihres Anwalts wurde die Öffentlichkeit jedoch aus Rücksicht auf ihre Intimsphäre ausgeschlossen. Ob und wie sehr sie den Angeklagten belastet hat, bleibt deshalb wohl geheim, bis Richter Günther Köhler demnächst das Urteil des Landgerichts Trier verkündet.

Doch das mutmaßliche Opfer ist in diesem Prozess nicht die einzige Belastungszeugin. Zwei weitere junge Frauen sitzen am Dienstag, dem dritten Verhandlungstag, im Zeugenstand. Beide belasten den Angeklagten schwer, sogar schwerer, als Richter Köhler und Staatsanwalt Matthias Juchem es haben erwarten können. Denn eine der beiden spricht davon, dass der 20-Jährige im Sommer 2017 Sex mit ihr gehabt habe, obwohl sie es nicht gewollt und geschrien habe, er solle aufhören.

Die 20-jährige Studentin erklärt, es sei das erste Mal, dass sie darüber spreche. „Ich hatte Angst und wollte auch nicht, dass meine Eltern das erfahren“, sagt sie vor Gericht in Trier. Die Eltern, so betont sie, wissen es bis heute nicht, und das solle auch so bleiben. „Ich will das einfach nur hinter mir lassen und nichts mehr damit zu tun haben.“ Eine Anzeige wolle sie nicht.

Richter Köhler bleibt ruhig und sachlich, sein Ton ändert sich nicht. Er befragt die junge Frau zu allen Details des Vorfalls. Tenor ihrer Aussage: Sie wollte keinen Sex und hat das deutlich gezeigt, der Angeklagte habe es dennoch getan. „Es wird getrennt von diesem Verfahren geklärt werden müssen, ob es sich um sexuelle Nötigung oder eine Vergewaltigung handelt“, sagt Staatsanwalt Juchem in einer Verhandlungspause dem TV.

Geschlagen habe der Angeklagte sie nie, betont die Studentin. „Aber er hat mir ständig gedroht und mich angeschrien. Wenn ich nicht tue, was er will, kommt er zu mir und meinen Eltern nach Hause und tritt die Haustür ein.“ Und so habe sie die Wünsche und Forderungen des Angeklagten erfüllt, habe ihm ihren Laptop gegeben und diesen nie wiedergesehen und habe ihn auch in ihrem Auto – zusammen mit dem mutmaßlichen Opfer, das zur Sexarbeit gezwungen worden sein soll – zu den Bordellen nach Düsseldorf und Trier gefahren. Deshalb ist sie auch  als Zeugin geladen.

„Warum haben Sie all das für jemanden getan, der Sie so schlecht behandelt und Sie sogar gegen Ihren Willen zum Sex gezwungen hat?“, fragt Richter Köhler. „Ich hatte Angst, dass er seine Drohungen wahr macht. Da habe ich dann lieber gemacht, was er wollte.“

Die zweite Zeugin ist  ebenfalls eine junge Frau. Bereits 2016 kreuzten sich ihre Wege mit denen des Angeklagten. Der Sex war einvernehmlich, sagt sie vor Gericht und bleibt auch dabei, als der Richter gezielt nachfragt und vor einer Falschaussage warnt. Aber der 20-Jährige habe sie geschlagen, mehrmals und mit der Faust.

Der Beschuldigte – ohne Arbeit und Ausbildung, vorbestraft und schwer drogenabhängig – hört sich das alles ohne erkennbare Regung an. Weder er noch seine Anwältinnen – eine Pflicht- und eine Wahlverteidigerin – reagieren auf den Vorwurf, er habe die Studentin zum Sex gezwungen. Den Vorwurf, er habe eine Frau zur Prostitution gezwungen, hat er von Anfang an bestritten. Sie habe es freiwillig getan, um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, denn „sie war eben in mich verliebt“. Der Prozess geht weiter am Dienstag, 8. Mai.