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Lernen, auf eigenen Füßen zu stehen

Selbst einkaufen und kochen gehört mit zum Alltag der Flüchtlinge an der Schwelle zum Erwachsenwerden. In der Johanniter Wohngruppe in Waldrach werden sie dabei unterstützt vom Einrichtungsleiter Christian Riga (rechts), auf dem Foto mit dem 18-jährigen Mukhtar Huseen Jimale. TV-Foto: Regina Lüders
Selbst einkaufen und kochen gehört mit zum Alltag der Flüchtlinge an der Schwelle zum Erwachsenwerden. In der Johanniter Wohngruppe in Waldrach werden sie dabei unterstützt vom Einrichtungsleiter Christian Riga (rechts), auf dem Foto mit dem 18-jährigen Mukhtar Huseen Jimale. TV-Foto: Regina Lüders FOTO: (h_tl )
Waldrach. Zwölf junge Flüchtlinge ohne Familie lernen in einer Wohngruppe der Johanniter in Waldrach für ein Leben in Deutschland. Auch Gemüse Schnippeln und Kochen gehören dazu. Regina Lüders

Waldrach Für Mukhtar Huseen Jimale ist es ein besonderer Tag: Er hat sich sein bestes Hemd angezogen, sein Zimmer ganz ordentlich gemacht und bis in den letzten Winkel geputzt. Er hat sich gut vorbereitet und seine Worte zurechtgelegt. Denn heute kommt wichtiger Besuch. Unter anderem will sich Waldrachs Ortsbürgermeister Heinfried Carduck anschauen, was aus dem ehemaligen Gasthaus Schenk-Oster in der Waldracher Bahnhofstraße geworden ist. Dort lebt Mukhtar seit zehn Monaten.
Wie die meisten seiner derzeit elf Mitbewohner in der Johanniter-Jugendwohngruppe besucht der junge Mann aus Somalia die Berufsbildende Schule in Trier, weil er zu alt für die Regelschule ist. In den Sommerferien hat Mukhtar ein Betriebspraktikum gemacht - bei einem Automechaniker, weil der gut erreichbar war: "Alles ist Übung", sagt der Junge mit den weichen Gesichtszügen und lächelt. Deutsch übt der Flüchtling, der vor einem Jahr über den gefährlichen Seeweg nach Europa gekommen ist, ohnehin so viel er kann - freiwillig. In Extrakursen und in den Ferien.
Als Mukhtar zusammen mit Erzieherin Anna Petter und Johanniter Regionalvorstand Daniel Bialas durch die Räume führt, ist Carduck erstaunt: "Hier haben wir früher Fraktionssitzungen abgehalten", sagt er, als er die frisch eingerichtete "Verselbstständiger"-Küche betritt, in der allein gekocht werden kann. Mukhtar ist ein sogenannter Verselbstständiger: Er soll Schritt für Schritt lernen, in Deutschland auf eigenen Beinen zu stehen. Obwohl er gerade 18 geworden ist, darf er noch ein bisschen bei den Johannitern bleiben: "Zum Glück arbeiten wir sehr gut mit dem Jugendamt zusammen", sagt Regionalvorstand Bialas. Dort wisse man, dass nicht mit dem 18. Geburtstag schlagartig der Begleitungsbedarf aufhöre. Bialas: "Als Anfang letzten Jahres etliche junge Flüchtlinge da waren, für die das Jugendamt einfach keinen Platz finden konnte, haben wir mit unserem Wissen aus der Jugendarbeit spontan Erste Hilfe geleistet, wie es sich für Johanniter gehört." Aus der vorübergehenden Notlösung sei das Waldracher Haus als feste Einrichtung aus dem Boden gestampft worden.
Auch Ortsbürgermeister Carduck ist am Ende der Führung durch die Lebenswelt der jungen Flüchtlinge angetan von der Johanniter-Wohngruppe: Vorab habe es ein paar Unsicherheiten im Ort gegeben. Aber keinerlei Ängste wegen Lärm oder Ähnlichem hätten sich bewahrheitet: "Die jungen Leute hier werden als freundlich und ganz unauffällig wahrgenommen". Er wolle sich jetzt mit bemühen, für mehr Austausch mit den Waldrachern zu sorgen. Mukhtar lächelt.Extra: SPENDENAKTION FÜR DIE FLÜCHTLINGSGRUPPE


In der Jugendwohngruppe der Johanniter-Unfall-Hilfe leben seit Mai 2016 etwa 15 Jungen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren, die als Flüchtlinge allein nach Deutschland gekommen sind und jetzt hier zur Schule gehen. Die Jungen, die alle aus Krisengebieten stammen - aus Somalia, Syrien, Afghanistan, Pakistan und der Elfenbeinküste -, haben Schlimmes erlebt. Sie werden betreut. Für die außerschulische Freizeitgestaltung stehen pro Junge vom Sozialamt nur zehn Euro pro Monat zur Verfügung. Aktuell läuft eine Spendenaktion, um den Flüchtlingen eine Tischtennisplatte und einen Kickertisch zu finanzieren auf der Volksfreund-Spendenplattform unter <%LINK auto="true" href="http://www.meine-hilfe-zaehlt.de/Laufende-Projekte/Projekt/id/55915/" text="www.meine-hilfe-zaehlt.de/Laufende-Projekte/Projekt/id/55915/" class="more"%>Extra: UNBEGLEITET UND MINDERJÄHRIG


Das Trierer Jugendamt, das als Schwerpunktjugendamt auch für die UmA (unbegleitete minderjährige Ausländer) im Kreis Trier-Saarburg zuständig ist, hat im Juli 2017 rund 100 männliche junge Flüchtlinge in Obhut gehabt. Im Vergleich zum Sommer 2016 sei die Zahl etwa gleich geblieben. In der Hochphase der Zugänge im Herbst 2015 waren dagegen noch etwa 400 junge Flüchtlinge zu versorgen gewesen. Etwa 15 Prozent der UmA in Deutschland seien Mädchen. Diese Fälle werden von den Jugendämtern in Bad Kreuznach und Idar-Oberstein bearbeitet. Die Mädchen werden in speziellen Einrichtungen in weiterer Entfernung untergebracht. Für die Stadt und den Kreis Trier-Saarburg zählt das Jugendamt 19 Einrichtungen von acht Jugendhilfeträgern mit insgesamt 176 Plätzen zur Unterbringung der Minderjährigen. Dabei handelte es sich um Clearingplätze (vor Abschluss des Asylverfahrens), um klassische Wohngruppenplätze und um Betreutes Wohnen (zur zunehmenden Verselbstständigung). Lediglich die Johanniter-Einrichtung in Waldrach kombiniert Wohngruppenplätze und Betreutes Wohnen unter einem Dach. Drei Kinder seien zudem in Gastfamilien vermittelt worden.