Geboren als Verkäuferin

Geboren als Verkäuferin

DAUN. Das ist rekordverdächtig: Die 89-jährige Regina Zender arbeitet seit 75 Jahren im Kaufhaus Meyer in Daun. "Ich mache weiter, solange es geht", sagt die Frau, die von einem bewegten Berufsleben erzählen kann.

"Ich bin froh, dass ich sie habe." So einfach bringt es Christian Reineke auf den Punkt. Er ist der Chef der 89-jährigen Regina Zender, die seit 75 Jahren im Kaufhaus Meyer in Daun arbeitet. Reineke hat versucht, Regina Zender ins Guiness-Buch der Rekorde zu bringen. "Doch leider fehlen uns die lückenlosen schriftlichen Nachweise," bedauert er. Seine Großmutter Maria Reineke hatte die damals 14-jährige Regina Thelen aus Mehren zum 1. Oktober 1929 als Lehrmädchen eingestellt. Maria Reineke trägt gebürtig den Nachnamen Meyer und stammt aus Manderscheid. Daher kommt der Name des um 1910 gegründeten Kaufhauses. Zenders Mutter hatte bei einem Einkauf in dem Geschäft gefragt, ob das Mädchen dort lernen könne. Einen schriftlichen Lehrvertrag gab es nicht, ebenfalls keine Berufsschule. Die Abmachungen: keine Bezahlung während der dreijährigen Lehrzeit, dafür Kost und Logis im Hause. "Ich war gut aufgehoben bei Reinekes, wie in einer Familie", betont Regina Zender. Aber Heimweh habe sie schon. Die Freude war groß, wenn sie an einem Sonntagnachmittag per Zug nach Schalkenmehren fahren und von dort aus zu Fuß nach Hause gehen durfte. "Ich glaube, ich bin eine geborene Verkäuferin", meint die 89-Jährige, die sich längst daran gewöhnt hat, im Laden mit "Frau Reineke" oder "Frau Meyer" angesprochen zu werden. Das Geschäft wurde gerade erweitert, als sie mit der Lehre begann. Zu kaufen gab es fast alles: Lebensmittel, Konfektion, Weiß-, Woll- und Kurzwaren sowie Kleiderstoffe von der Seide bis zur Baumwolle. Das dunkelste Kapitel in ihrem 75-jährigen Berufsleben ereignete sich im Sommer 1944. Ein Bombenangriff traf das Kaufhaus Meyer. Ein Lehrmädchen wurde getötet, das Küchenmädchen schwer verletzt, ein weiteres Lehrmädchen leicht. Regina Zender blieb unverletzt. Das Geschäftshaus war zum größten Teil zerstört. Die noch brauchbaren Waren wurden in ein gegenüberliegendes Haus gebracht, die Familie und die Angestellten bezogen eine Wohnung in einem angrenzenden Haus. "Nach gut einem Jahr war das Kaufhaus wieder bezugsfertig", sagt Regina Zender, die sich zwischenzeitlich einer neuen Herausforderung zu stellen hatte. Noch im Jahr 1944 war Maria Reineke gestorben, und die Aufgaben, die bis dahin die Chefin erledigte, waren auf sie übertragen worden. Auch nach ihrer Heirat im Jahr 1958 blieb Regina Zender dem Kaufhaus Meyer und damit der nächsten Generation der Familie Reineke treu. Inzwischen arbeitete auch ihr Bruder Karl Thelen in dem Familienunternehmen mit, als Prokurist. "Ich habe noch nie daran gedacht, in Rente zu gehen", erklärt Regina Zender. "Auch nicht, als mein Mann vor 14 Jahren starb, und auch nicht, als vor fünf Jahren mit Christian Reineke die dritte Generation die Leitung des Betriebs übernahm." Seit einer Oberschenkelfraktur mit anschließender Reha vor drei Jahren ist sie nur noch nachmittags im Laden. Solange es ihre Gesundheit zulasse, wolle sie im Geschäft bleiben.

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