IHK-Hauptgeschäftsführer: Beim A1-Lückenschluss muss Gewissheit her

IHK-Hauptgeschäftsführer: Beim A1-Lückenschluss muss Gewissheit her

Beim Lückenschluss A 1 muss die Landesregierung endlich Farbe bekennen: Das fordert der Hauptgeschäftsführer der der Industrie- und Handelskammer Trier, Jan Glockauer, von der Politik. Für den Tourismus sei Außerdem ein Gesamtkonzept erforderlich, meint er im Interview mit dem Trierischen Volksfreund.

Der 42-Jährige ist seit einem halben Jahr Chef der Kammer. Die Region ist nach seiner Ansicht in vielen Bereichen spitze, etwas mehr Selbstbewusstsein sei deshalb angebracht. Die Kammer will der Wirtschaft vor allem bei der Fachkräftesicherunmg helfen.

Die Weiten des Hunsrücks und die wunderschöne Mittelmosel haben es dem 42-jährigen Jan Glockauer angetan. Doch auch als Chef der IHK Trier fühlt sich der gebürtige Hamburger an der Spitze der Kammer wohl und hat einige ehrgeizige Ziele, wie er TV-Redakteur Heribert Waschbüsch im Interview sagt. 100 Firmen hat er bereits besucht und ist dabei "oft überrascht worden."

Haben Sie ihren Wechsel nach Trier schon mal bereut?

Glockauer: Ganz ehrlich, noch nie. Die Aufgabe ist anspruchsvoll, vielseitig, macht aber auch enorm viel Spaß. Wenn ich mir hier die Wirtschaft betrachte, dann sehe ich engagierte Unternehmer, ich sehe auf dem Arbeitsmarkt fast Vollbeschäftigung und bei den Firmenbesuchen reden wir nicht über Auftragsknappheit, sondern über Fachkräftenachfrage und die Jugendarbeitslosigkeit, die beispiellos niedrig ist.

Die jüngsten Zahlen des Statistischen Landesamtes sehen die Region aber im Landesdurchschnitt, etwa beim Bruttoinlandsprodukt (siehe unten), deutlich im Rückstand…

Glockauer: Mir fällt auf, dass die Betriebe die Geschäftsentwicklung etwas getrübt sehen. Auf dieses Gespür der Betriebe müssen wir hören, denn die Firmen haben eine ausgesprochen gute Nase. Die Konjunkturumfrage der IHK unter den Unternehmen fällt immer besser aus als die Einschätzung der Forschungsinstitute, das ist so etwas wie Schwarmintelligenz. Für uns heißt das Achtung!

Und was die Wirtschaftskraft im Landesvergleich angeht?

Glockauer: Das liegt an der Struktur unserer Wirtschaft. Geht es den Unternehmen nicht so gut, müssen wir als Kammer eine Schippe drauflegen und noch mehr für die Mitglieder tun. Ein Beispiel: Wie können wir den Firmen bei der Fachkräftesicherung helfen? Das ist wie ein Puzzle. Es geht nicht nur um mehr Ausbildung: Wir haben die Jugendlichen, wir haben die Älteren, wir haben das Thema berufliches Gesundheitsmanagement, die Migration von Arbeitskräften oder den wichtigen Bereich Familie und Beruf. Das sind alles kleine Details, die nur im Gesamten wirken.

Kleine und mittlere Betriebe dominieren die Region. Ist die Wirtschaftskraft deshalb unter dem Landesdurchschnitt?

Glockauer: Die Struktur hier ist, wie sie ist. Wenn wir hier Ludwigshafen wären, hätten wir deutlich mehr Industriearbeitsplätze, die besser bezahlt sind. Meine Einschätzung ist aber auch, der grenznahe Unternehmer wird Arbeitsbedingungen und Bezahlung doch so gestalten, dass seine Leute bleiben, schon aus eigenem Interesse. So wird das Lohnniveau über den Markt geregelt. Dieser Nachteil durch Luxemburg hat aber auch seine positive Kehrseite. Unser Handel profitiert im höchsten Maße von Luxemburg. Und wir können doch von Glück sagen, dass die Region nicht von ein oder zwei großen Unternehmen beherrscht wird, die dann verlagert werden oder durch ausländische Investoren übernommen werden. Diese Achillesferse haben wir nicht.

Sie waren zuvor am Bodensee. Wo sehen Sie Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Region?

Glockauer: Beides sind Grenzregionen und profitieren von den Nachbarn, hier Luxemburg, dort die Schweiz. Doch die Bodensee-Region hat ein größeres Selbstbewusstsein. Das würde auch der Region Trier gut stehen. Wir haben eine wunderschöne Natur, die besten der Weine der Welt und ein wahnsinniges Freizeit- und Kulturangebot, da darf man wirklich selbstbewusster sein. Als Kammer würde ich mich da gerne einbringen, um einen roten Faden zu entwickeln. Es fehlt ein Gesamtkonzept. Hier streitet man sich über die Bettensteuer und nicht darüber, welchen Schatz wir haben und wie wir ihn nutzen können.

Sie haben so einige Schwerpunkte ihrer Arbeit angesprochen, Fachkräftesicherung, Tourismus - was steht weiter in ihrem Fokus?

Glockauer: Wir stellen klare Vorderungen an die Politik. Beispiel Lückenschluss A1: Wir erwarten, dass die Regierung Farbe bekennt: Wir bauen oder wir bauen auch nicht. Eine klare Entscheidung muss her, anstatt 30 Jahre herumzueiern. Die Unternehmen müssen sich darauf einstellen können, ob der Lückenschluss kommt, damit sie vernünftig planen können.

Erhoffen Sie sich von Malu Dreyer als Ministerpräsidentin Vorteile für die Region?

Glockauer: Ja. Aber nicht, weil sie die Region gegenüber anderen bevorzugt, sondern, weil Sie die Region und ihre Probleme kennt und wir schon gute Gespräche mit ihr geführt haben.

Wie wird sich die Industrie- und Handelskammer in den kommenden Jahren aufstellen?

Glockauer: Die Idee die hinter der Kammer steckt, ist super. Wir müssen aber noch einiges tun, damit die Mitgliedsunternehmer noch stärker empfinden, dass ist unsere Kammer. Das Team ist hoch motiviert und wir werden gemeinsam daran weiter arbeiten.
Extra

IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Glockauer sieht in der Region große Potenziale. Er möchte mit der IHK den Firmen helfen, sich weiterzuentwickeln. Foto: Heribert Waschbüsch

Wirtschaftskraft der Region hinkt dem Landesschnitt hinterher
Jeder Erwerbstätige in der Stadt Trier hat 2010 nach Berechnungen des statistischen Landesamts durchschnittlich 48.854 Euro zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beigetragen. Das sind 84,8 Prozentpunkte des Landeswerts. In Ludwigshafen sind es mehr als 94.000 Euro. Im Landesschnitt steuert ein Erwerbstätiger gut 57.000 Euro bei. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gibt den Gesamtwert aller Güter, also Waren und Dienstleistungen, an, die innerhalb eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft hergestellt wurden und dem Endverbrauch dienen. Damit entfällt bei der Berechnung die Leistung der knapp 30.000 Pendler aus der Region Trier, die in Luxemburg arbeiten. Im Landkreis Trier-Saarburg lag 2010 das BIP bei 77,8 Prozent des Landesdurchschnitts, in Bernkastel-Wittlich bei 88,4 Prozentpunkten, in der Vulkaneifel bei 91,4 Prozent und im Eifelkreis Bitburg-Prüm bei 99,5 Prozent. Damit liegt die Region bei einer Leistung von 87,4 Prozent des Landesdurchschnitts. Insgesamt haben die Statistiker Waren und Dienstleistungen mit einem Wert 12,545 Milliarden Euro für die Region errechnet.