1. Archiv

Sorgenkinder mit vielen guten Seiten

Sorgenkinder mit vielen guten Seiten

WITTLICH. Der Zappelphilipp ist unter neuem Namen in die Schlagzeilen geraten. Wie an der Wittlicher Grundschule Jahnplatz konstruktiv mit Kindern umgegangen wird, die unter einer Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS) leiden, darüber berichten Annette Freckmann und die Schulleiterin Maria Maas.

Maria Maas und Annette Freckmann sind Lehrerinnen aus Leidenschaft. Ihnen liegen auch die Schülerinnen und Schüler am Herzen, die viel Kraft kosten. Dazu gehören jene mit einer Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS) und jene mit einer gleichzeitigen Hyperaktivität, der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Logisch: Dies ist nur eine Schwierigkeit, mit denen Grundschullehrer sich konfrontiert sehen. Auch Kinder, deren Eltern kein Deutsch sprechen gehören dazu, auch solche mit einer Rechen- oder Schreibschwäche, die, die schlecht hören oder sehen oder die, die den Eltern egal sind.Liebenswerte Zappelphilippe

An der Grundschule Jahnplatz kümmert sich neben der obligatorischen Arbeit der Wissensvermittlung jeweils eine Lehrerin um jeweils eine bestimmte Schwierigkeit. Annette Freckmann ist zuständig für die ADS-ler und ADHS-ler.. Sie besucht jede Fortbildung zu diesem Thema, und schließt sich regelmäßig mit der Rektorin kurz, um Maßnahmen zu bündeln. Bereits als Leiterin der Grundschule Altrich hat sich Maria Maas persönlich für so manchen Zappelphilipp eingesetzt und für sein weniger nerviges Cousinchen, das so genannte Träumerchen.Beim ersten Wittlicher ADS-Symposium im vergangenen Herbst hielt sie einen engagierten Vortrag, der, ohne die Schwierigkeiten im Umgang mit ADS-Schülern zu ignorieren, auf die positiven Seiten hinwies. Das Aufatmen im voll besetzten Atrium war mit den Händen greifbar. Für manche Mutter war es das erste Mal, dass ihr etwas Schönes über ihr "Sorgenkind" zu Ohren kam.Denn Sorgenkinder sind sie: zu Hause wie im Unterricht - unkonzentriert, jederzeit ablenkbar, impulsiv, unruhig und häufig aggressiv. Daneben zählen Freckmann und Maas jedoch auf, was sie an ihren ADS-lern schätzen: Ein reger Geist paart sich meist mit einem unbestechlichen Gerechtigkeitssinn. Die flexible, sprunghafte Denkweise fördert Kreatives und die große Hilfsbereitschaft kann mühelos im Klassenverband zum Wohle aller eingesetzt werden.Landkarten holen, dem Hausmeister eine Nachricht überbringen - alles Aufgaben, die dem starken Bewegungsdrang dieser Kinder entgegenkommen, die oft an mangelndem Selbstwertgefühl leiden. Positive Anerkennung fehlt, da sie hauptsächlich Ermahnungen hören und Gleichaltrige sie ausschließen. "Ganz wichtig ist die Zusammenarbeit mit offenen Eltern", so Freckmann. Diese Schwierigkeit gilt es, mit großem Fingerspitzengefühl zu überwinden. Denn: "Konsequente und liebevolle Erziehung leistet natürlich nicht die Schule allein." Probleme zu Hause wirken sich direkt auf das Verhalten der Schüler aus. Nur gemeinsam sei man stark und erfolgreich, berichtet das Jahnplatz-Team. Auch die Eltern empfänden in der Regel einen starken Leidensdruck. "Erzieh' dein Kind mal richtig!", sei meist alles, was sie von "wohlmeinenden" Zeitgenossen zu hören bekommen. Ein anderes Problem ist die um sich greifende elterliche Eigendiagnose ADS, wo lediglich Unlust oder Unfähigkeit ihres Kindes konstatiert werden muss. Denn die Diagnose, darauf weist Freckmann eindringlich hin, können nur Mediziner stellen. Sie ist aufwändig und dauert lange. Darum nützt es nichts, den Verdacht auf die lange Bank zu schieben.Blickkontakt und Berührungen sind wichtig

Die Probleme kann man, je nach Einzelfall, außerhalb oder parallel zu einer medikamentösen Behandlung angehen: Mit einem klaren Regelwerk, an das sich Kinder, Eltern und Lehrer konsequent zu halten haben. Kurze, ruhig gegebene Anweisungen, Blickkontakt, wenn nötig, begleitet von einer Berührung, wirken schon Wunder. Ein anderes Stichwort: handlungsorientiertes Unterrichten statt bloßer Verkopftheit. Jede Stunde muss sinnvoll strukturiert sein, damit der rote Faden auch für einen Zappelphilipp erkennbar bleibt. "Die Unruhe überträgt sich schließlich rasch auf die ganze Klasse", erklärt Freckmann. An einigen wenigen Grundregeln habe der Lehrer festzuhalten. Aufzeigen und die anderen aussprechen lassen gehören dazu."Wir Grundschullehrerinnen sind eigentlich recht gut ausgebildet, was die ,harten Brocken' betrifft", meint Maas. Für die Zukunft wünschen sich Maas und Freckmann eine noch effizientere Teamarbeit zwischen Kindern, Ärzten, Lehrern und Eltern. Die Frage ist, wie die trotz Arztgeheimnis verwirklicht werden kann, und welcher Arzt bereit ist, außerhalb seiner Sprechstunden Zeit für solche Gespräche zu investieren.Ansprechpartner beim Verdacht oder der Diagnose ADS und ADHS ist die Selbsthilfegruppe "Juvemus", Kerstin Baden, Telefon 06578 / 992062.