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Impfmüdigkeit besorgt die Experten

Impfmüdigkeit besorgt die Experten

Fieber, Schlappheit, Hautausschlag: Klassische Kinderkrankheiten wie Röteln oder Windpocken kündigen sich durch vielfältige Symptome an. Die Masern schienen fast zurückgedrängt - doch 2013 steckten sich in Deutschland exakt 1721 Menschen mit den Viren an. Fachleute nennen Impfmüdigkeit als Grund.

Der Fall Aliana (4) aus dem hessischen Bad Hersfeld sorgt zurzeit für Schlagzeilen. Die Vierjährige kämpft mit dem Tod - und wird verlieren. Das Mädchen hat eine subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), eine tödlich verlaufende Gehirnentzündung, die Spätfolge einer Maserninfektion.
"Masern sind eine Viruserkrankung, die die Patienten über mehrere Tage schwer krank macht", sagt Dr. Wolfgang Thomas, Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin im Trierer Mutterhaus. Typische Komplikationen seien Lungen- und Mittelohrentzündung. Bei etwa einem von tausend Patienten könne eine schwere Gehirnentzündung auftreten, die im schlimmsten Fall tödlich ende.TV-Serie Ihre Gesundheit


Auch noch Jahre bis Jahrzehnte nach der Erkrankung kann laut Chefarzt eine SSPE, wie bei Aliana, auftreten und zum Tode führen. Masern zählen neben Mumps, Keuchhusten, Ringelröteln, Röteln, Scharlach, Windpocken und Zytomegalie zu den klassischen Kinderkrankheiten.
"Der Begriff Kinderkrankheiten ist historisch zu sehen, weil diese Erkrankungen vor Einführung der Vorbeugemaßnahmen vor allem im Kindes- und Jugendalter auftraten", sagt der Mediziner. Zunehmend würden die Kinderkrankheiten auch zu Erwachsenenkrankheiten. Der Begriff könne auch suggerieren, dass es sich in der Regel um harmlose "Befindlichkeitsstörungen" handelt. "Dies ist für die meisten dieser Erkrankungen nicht der Fall", betont Thomas. Kinder- und Jugendmediziner sähen die Kinderkrankheiten, die in der Regel Infektionskrankheiten sind, nur noch sehr selten oder gar nicht mehr. "Weil man vor allem durch Impfungen vorbeugen kann", sagt der Chefarzt. In Deutschland werden Impfungen durch die Ständige Impfkommission (STIKO) empfohlen. Die Kommission setzt sich aus Experten im Bereich Infektionsschutz und Impfungen zusammen. Die Empfehlungen der STIKO werden jährlich im Sommer aktualisiert. "Hintergrund dieser Regelung ist, dass Impflinge, die nach den Empfehlungen der STIKO geimpft werden, einen besonderen Schutz bei Impfkomplikationen genießen", erklärt Thomas. Für die sogenannten Impfschäden stehe in diesem Fall die Bundesrepublik Deutschland gerade.
Eine Impfpflicht gibt es in Deutschland nicht. Das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, ob er sein Kind impfen lassen möchte oder nicht, hat Vorrang. Die Ausrottung der Masern ist ein erklärtes Ziel der Weltgesundheitsorganisation, und Fachleute haben ausgerechnet, dass es nur bei Durchimpfungsraten von mehr als 95 Prozent erreicht werden kann. In Deutschland waren laut Robert Koch-Institut (RKI) im Jahr 2013 insgesamt 1721 Menschen an Masern erkrankt. 2012 lag die Zahl der Masernfälle bei 165, 2011 bei 1608. Damit war ein Negativrekord seit sieben Jahren erreicht. Die meisten Masernfälle gab es im vergangenen Jahr in Bayern (787) und Berlin (488).
Als Hauptursachen der wieder zunehmenden Verbreitung gelten vor allem Impfmüdigkeit und Fehlinformation. 2001 war die bundesweite Meldepflicht für Masern eingeführt worden. RKI-Pressesprecherin Susanne Glasmacher zufolge wurde die Meldepflicht für Mumps, Röteln, Keuchhusten und Windpocken 2013 eingeführt. "Daher sind noch keine vernünftigen Auswertungen möglich", sagt Glasmacher. Ringelröteln, Scharlach und Zytomegalie seien bundesweit nicht meldepflichtig. Laut Dr. Thomas können Erwachsene zur besseren Kindergesundheit beitragen, indem sie selbst ihren persönlichen Impfschutz überprüfen und auffrischen lassen.Extra

Masern werden durch das Masernvirus verursacht und sind hoch ansteckend. Neben roten Hautflecken treten im Stadium hohes Fieber, Husten, Schnupfen und Halsschmerzen auf. Die Inkubationszeit beträgt 8 bis 10 Tage, der Ansteckungszeitraum beginnt fünf Tage vor dem Auftreten des Hautausschlags. Mumps, auch Ziegenpeter genannt, wird vom Mumps-Virus ausgelöst und kann sich nach einer Inkubationszeit von 12 bis 25 Tagen durch eine schmerzhafte Schwellung der Ohrspeicheldrüse und ausstrahlende Schmerzen in den Hals zeigen. Keuchhusten (Pertussis) wird durch Bakterien ausgelöst und per Tröpfcheninfektion übertragen. Die Behandlung erfolgt mit Antibiotika. Es treten schwere, krampfartige Hustenanfälle auf, die mehrere Wochen anhalten können. Ringelröteln werden durch einen Virus ausgelöst. Das charakteristische Erscheinungsbild sind gerötete Wangen und ein Ausschlag, der sich girlandenförmig über den Körper ausbreitet. Die Inkubationszeit liegt meist bei 8 bis 21 Tagen, eine Übertragung ist schon vor Ausbruch der Krankheit möglich. Röteln (Rubella) sind eine für Kinder oft harmlose Viruserkrankung, die lebenslangen Schutz hinterlässt. 2 bis 3 Wochen nach der Infektion treten erkältungsähnliche Beschwerden mit leichter Lymphdrüsenschwellung und Hautausschlag auf. Gefährlich hingegen sind Röteln während der Schwangerschaft. Sie führen beim Embryo häufig zu Missbildungen. Scharlach ist eine Sonderform der eitrigen Angina, die häufig im Kita-Alter auftritt. Verantwortlich ist ein Streptokokken-Bakterium. Zur Erkrankung zählen neben Fieber und Halsschmerzen auch eine stark gerötete Zunge mit verdickten Zungenknospen ("Himbeerzunge") sowie ein Hautausschlag. Windpocken (Varizellen) sind eine sehr ansteckende Viruserkrankung. Die Inkubationszeit beträgt in der Regel 10 bis 28 Tage. Nach Ausbruch der Krankheit entwickelt sich Hautausschlag mit Bläschen und Juckreiz. Während die Krankheit für Kinder meist harmlos ist, kann sie bei Schwangeren zu schweren Komplikationen für das ungeborene Kind führen. kat