Gesellschaft

Zu einem Text in der Beilage der Trier Galerie (TV vom 16. Oktober):

Als ich die hauseigene Zeitung der Trier Galerie in der Hand hielt, las ich folgenden Artikel: "Gesucht: das erste Trierer Christkind. Jetzt mit einem Foto bewerben!" Im anschließenden Text erfährt man weiter: Gesucht wird ein Engel; doch nicht irgendein Engel, sondern das Christkind. Und zwar das erste Trierer Christkind. Da reibt man sich erstaunt die Augen. War das Christkind denn ein Engel? Ganz rasch sollten sich junge Frauen zwischen 18 und 30 Jahren bewerben, denn bereits am 29. November werde unter fünf Kandidatinnen das Christkind ausgewählt. Bevor aber die Entscheidung der Jury falle, müssten die Bewerberinnen über den Catwalk laufen! O, du armes Christkind, in welcher Zeit leben wir denn bloß? Nun musst du über den Catwalk laufen! Beim Lesen tauchten bei mir Erinnerungen aus der Weihnachtszeit meiner Kindheit auf. In den Jahren 1954 und 1955 durfte ich auch das Christkind darstellen. Das war während meiner Kindergartenzeit bei den Borromäerinnen. Zum Glück musste ich aber nicht auf den Catwalk. Die Ordensschwestern hatten mich auserwählt, ausschlaggebend waren wohl meine lockigen Haare. Ich trug richtige Paramente, einen großen Heiligenschein, der mit einem Gummiband straff befestigt war und ungemein drückte. Die Schuhe waren mit Silberbronze angestrichen. In der linken Hand hielt ich ein langes Holzkreuz. Die rechte Hand zum Segensgestus erhoben, besuchte ich die Kinder auf der Kinderkrankenstation. Mein Gefolge bestand aus einer ganzen Schar von Engeln. Vor jedem der weiß lackierten Metallgitterbettchen blieb ich stehen, hob segnend die Hand und sagte: "Der Friede sei mit dir!" Dann winkte ich huldvoll einem Engel zu, der neben mich trat und einem erwartungsfrohen Kind ein Geschenk überreichte. Wohlwollend schauten die Ordensschwestern in ihrer strengen Tracht zu. Ich tauche aus meinen Erinnerungen auf und frage mich: Wie wird wohl das "Galerie-Christkind" im Jahr 2014 aussehen? Und warum muss es über den Catwalk laufen? Regina Stoffels, Trier