Kultur

Zum Artikel "Shakespeare für Eingeweihte" (TV vom 15. Februar) und zur Inszenierung des "Wintermärchens" in Trier:

Warum nur, so frage ich mich nach jeder Premiere in der neuen Spielzeit des Theaters, erinnern die aufgeregten Kommentare der Besucher an Klassenkampf wie zu Zeiten von Karl Marx: helle Begeisterung und tiefe Verdammnis? Man spürt die radikale Abkehr des neuen Intendanten von allem historisch Gewordenen und die völlige Hingabe an ein neu zu errichtendes Theater. Diese Umwälzung kündigte sich schon Mitte des Jahres 2014 an, als der Intendant das gesamte Künstlerteam austauschte. Damals meinte die Leserbriefschreiberin Katrin Hülsmann: "Ein Intendant ist der premier domestique des Theaters, möglichst auch sein trésor d'esprit, aber er sollte nie in den Verdacht geraten, dessen tyrannischer Herrscher zu sein." Tyrannis ist die Bezeichnung für die unumschränkte Gewaltherrschaft eines Einzelnen in antiken griechischen Staaten. Sie stützte sich immer auf Einfluss beim Volk (Förderung unterer Schichten auf Kosten oberer). Oft haben äußere Gefahren den Aufstieg von Tyrannen begünstigt. Und solche Gefahren gab es ja vor der Wahl des neuen Intendanten gleich in mehrfacher Hinsicht: Es waren die konkreten Erwägungen einer Theaterschließung nach der schon zuvor erfolgten diskreten Er stickung der Antikenfestspiele. In dieser Not hat der Trierer Stadtvorstand Risiken akzeptiert und die Macht konzentriert: vielleicht eine kluge Entscheidung, denn Tyrannen entsprachen nur selten dem Charakterbild eines schlechten, grausamen Herrschers, eher dem eines bedeutenden Trägers kulturellen Fortschritts, der mit einer antiaristokratischen Politik in ein "goldenes Zeitalter" führte. Was sagt der Intendant selbst zu diesen Überlegungen in den Trierer Salons: "Es ist nur Theater, kein Weltkrieg." Und damit hat er auf jeden Fall recht! Rainer Hülsmann, Trier