Abschied vom Wachstum

Der Ortskern ist so gut wie ausgestorben, jahrhundertelang gepflegte Bausubstanz zerfällt - während außerhalb im nur zur Hälfte bebauten Baugebiet vereinzelt alte Menschen in viel zu großen Häusern leben: So könnte die Zukunft vieler Dörfer in der Region aussehen.

So wird sie aussehen, wenn in der Siedlungspolitik nicht auf der Stelle umgesteuert wird. Seit Jahrzehnten werden in Deutschland Neubaugebiete gefördert: Je mehr Einwohner ein Ort hat, desto mehr Zuweisungen erhält er. Logisch, dass die Kommunalpolitiker bisher auf Bevölkerungswachstum setzten. Solange die Zahl der Deutschen stieg, ging diese Taktik auf. Doch für die Zukunft prophezeien Experten unisono dieselbe, drastische Entwicklung, die gerade für ländliche Gebiete wie unsere Region in einer Katastrophe münden könnte - wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Die Streichung der Eigenheimzulage und die Einschnitte bei der Entfernungspauschale sind ebenso Schritte in die richtige Richtung wie die stärkere Unterstützung von Gebäudesanierungen. Doch sie reichen bei weitem nicht aus. Der Trend muss weg vom Neu- und hin zum Altbau. Und wenn gebaut wird, muss dies verstärkt innerhalb bereits erschlossener Gebiete geschehen. Bei der Ausweisung von Neubaugebieten muss in größeren Zusammenhängen gedacht werden: Sie sollten nur noch in Orten ausgewiesen werden, die realistische Chancen haben, zumindest Kleinzentren zu bleiben. Die Gemeindefinanzen müssen so umgebaut werden, dass sie nicht einseitig Wachstum honorieren. So könnten Zuweisungen beispielsweise an Kooperationen geknüpft werden. Und kluge Kommunalpolitik wird künftig noch stärker auf Bürgeraktivierung abzielen. Der Grundgesetzauftrag der "Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse" durch den Staat wird angesichts der demografischen Entwicklung kaum noch zu halten sein, entsprechend wichtiger werden bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe. Die besten Zukunftschancen haben nicht die Orte, die die größten Neubaugebiete ausweisen, sondern die, die die Zeichen der Zeit erkennen und statt auf Quantität auf Qualität setzen. i.kreutz@volksfreund.de