Im Rausch der Farben

Die Niederländer tun's, die Dänen auch und die Italiener sowieso: Wenn sich ihre Kicker im Stadion die Beine aus dem Leib rennen, tragen die Fans unserer Nachbarländer traditionsgemäß Nationalfarben, schwingen bunte Fähnchen oder malen sich zumindest eine Flagge ins Gesicht.

Voller Stolz. Wir Deutschen waren da bis dato zurückhaltender, schauten sogar jene schräg an, die schwarz-rot-gold-gekleidet durch die Gegend marschierten. Schnee von gestern. In den Tagen der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land scheint es in Deutschland fast keinen Ort und kein Produkt mehr ohne Schwarz-Rot-Gold zu geben - das gilt selbst für Unterwäsche oder das Dressing zum Salat. Keine Spur mehr von der einstigen Zurückhaltung, die Deutschen haben plötzlich Geschmack an den eigenen Farben gefunden. Ausdruck eines neuen nationalen Selbstbewusstseins, eine neu erwachte Vaterlandsliebe, wie sie konservative Kreise schon seit Jahren propagieren? Wohl kaum. Die Fußballfans demonstrieren mit der neu entdeckten Lust am Flaggezeigen schlicht Rückendeckung für ihr Team und sind stolz auf die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Darüber sollten sich auch jene freuen, die mit dem runden Leder nichts am Hut haben: So bunt, so ausgelassen und so fröhlich hat sich Deutschland selten der Weltöffentlichkeit präsentiert. Schwarz-Rot-Gold ist also eine gute Visitenkarte. Und eine mit Verfallsdatum obendrein. Denn wenn die Klinsmann-Truppe bei der WM vorzeitig ausscheidet, ist's mit der Flaggen-Euphorie im eigenen Land auch schnell wieder vorbei. r.seydewitz@volksfreund.de