Ein bisschen mehr Markt

Die Reaktionen auf den gestrigen EU-Agrarkompromiss waren absehbar: Während die einen jammern, das Ergebnis nehme ihnen die Luft zum Atmen, mokiert sich die andere Seite über eine Reform, die als Tiger gestartet und als Bettvorleger gelandet sei.

Recht haben beide: die Bauern, die sich auf Einkommenseinbußen und eine Änderung der Förderkulisse einstellen müssen, aber auch EU-Agrarkommissar Franz Fischler, dessen Radikal-Vorschläge während der langwierigen Verhandlungen arg gestutzt wurden. Und dennoch: Der Kompromiss von Luxemburg ist ein Schritt in die richtige Richtung. Galt in der EU-Agrarpolitik bislang die einer Marktwirtschaft unwürdige Devise, je mehr hergestellt wird, desto höher die Subventionen, werden Produktion und Prämien künftig entkoppelt. In der Landwirtschaft hält damit langsam Einzug, was in anderen Wirtschaftszweigen längst gang und gäbe ist: ein bisschen weniger Staat, ein bisschen mehr Markt. Das dürfte vor allem die Steuerzahler freuen, die die milliardenschwere Zeche für Milch-Seen, Fleisch- und Getreideberge ja zahlen müssen. Aber auch betroffene Bauern haben keinen Grund, den Teufel an die Wand zu malen. Durch langjährige Übergangsfristen, Raum für nationale Lösungen und Ausnahmen für benachteiligte Gebiete wird die Reform deutlich abgefedert. Auch nach dem Kompromiss von Luxemburg bleibt die europäische Landwirtschaft ein hoch subventionierter Produktionszweig. Das ist auch in Ordnung so, denn eine Region wie die zwischen Eifel, Mosel und Hunsrück ist ohne Bauern und Winzer nicht vorstellbar. Die wiederum können auf den im internationalen Vergleich eher kargen und nur schwer ökonomisch zu bewirtschaftenden Böden nur produzieren, wenn ihnen der Staat unter die Arme greift. Sicher ist die Einigung von Luxemburg ein fauler Kompromiss. Aber immer noch besser ein fauler, als gar keiner. r.seydewitz@volksfreund.de