| 20:40 Uhr

"Jetzt können Jüngere schnell Karriere machen"

FOTO: ARRAY(0x1353b06d0)
Der Mitgliederschwund der Parteien ist nicht zu stoppen, sagt der Trierer Politikwissenschaftler Uwe Jun. Mit ihm sprach TV-Redakteur Rolf Seydewitz.

Warum verlieren derzeit quasi alle Parteien Mitglieder?
Jun: Der Hauptgrund liegt in einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Parteien sind in der Wahrnehmung der Bürger nicht besonders in. In der Wahrnehmung junger Leute spielen Parteien keine wesentliche Rolle, gelten als langweilig und wenig interessant. Deshalb treten sie einer solchen Organisation auch nicht bei, zumal sie sehr stark von Älteren bestimmt werden. Das Durchschnittsalter bei den Parteien liegt deutlich über 50.
Das klingt nicht so, als sei der Abwärtstrend noch zu stoppen?
Jun: Auf absehbare Zeit nicht. Es wird für die Parteien schwer sein, noch einmal einen ähnlichen Status in der Gesellschaft zu bekommen wie in den 70er Jahren. Vielleicht waren aber die 70er und 80er Jahre auch die Ausnahme und wir sind wieder im Zeitalter der Normalität angelangt. Auch in den 50er und 60er Jahren waren Parteien nicht besonders attraktiv. Jetzt treten überwiegend Menschen mit hohem politischen Interesse und Abitur beziehungsweise einer akademischen Ausbildung Parteien bei. Einzelne Bevölkerungsgruppen - geringe Bildung, geringes Haushaltseinkommen - haben sich, was die Mitgliedschaft angeht, vollständig von den Parteien abgewendet.
Sehen Sie den Mitgliederschwund nur negativ?
Jun: Es ist für die Parteiendemokratie schon von Nachteil, dass die gesellschaftliche Verankerung abnimmt und damit die Legitimation der Parteiendemokratie. Andererseits ist das politische Interesse ja durchaus vorhanden. Aber die Bürger bringen sich eher punktuell ein, als sich dauerhaft in einer Partei zu engagieren.
Sterben die Parteien langsam aus?
Jun: Parteien sind wichtig für Willensbildungsprozesse. Von daher wäre es wünschenswert, wenn mehr Bürger Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen würden. Da es an Nachwuchs mangelt, können jüngere Parteimitglieder rasch Karriere machen. In Trier sieht man es an SPD-Generalsekretärin Katarina Barley oder SPD-Chef Sven Teuber, der für Malu Dreyer in den Landtag einzieht. seyExtra

Uwe Jun, 1963 geboren, lehrt seit 2005 als Politikprofessor an der Universität Trier. Schwerpunkte des 53-jährigen Wissenschaftlers sind Parteienforschung, Föderalismus und politische Kommunikation. sey