Keiner fühlt sich zuständig

Der Journalist Peter Jamin aus Düsseldorf beschäftigt sich seit 15 Jahren mit Vermisstenfällen. Im Frühjahr erschien sein neues Buch "Vermisst - und manchmal Mord". Unsere Mitarbeiterin Christine Koch-Dillenburger sprach mit Peter Jamin über den Fall Tanja Gräff.

Düsseldorf/Trier. Seit mehr als zwei Wochen wird die Studentin Tanja Gräff aus der Nähe von Trier vermisst. Der Fall ist sehr präsent in den Medien. Sie haben rund 2000 Vermisstenfälle untersucht und viele Angehörige beraten. Die meisten dieser Fälle finden ohne große Öffentlichkeit statt.Jamin: In der Tat. Es ist ein großes Glück im Unglück für die Angehörigen und möglicherweise auch für Tanja Gräff, dass das Medieninteresse und das Engagement von Bekannten so groß ist. In der Regel haben wir das nicht. Etwa 100 000 Personen registriert die Polizei jährlich als vermisst. Auch wenn die Mehrzahl dieser Menschen wieder auftaucht, das Gros ihrer Angehörigen findet in der Zeit, in der Kind, Vater oder Mutter verschwunden sind, keine Unterstützung.

Wie schätzen Sie den Fall Gräff aus Ihrer Erfahrung ein?

Jamin: Es handelt sich um eine junge hübsche Frau, die nach einer Party verschwand. Die Befürchtung, dass ihr etwas zugestoßen ist, liegt nahe, und deswegen hat die Polizei ja auch eine Sonderkommission gegründet. Ohne zu spekulieren, kann es nichtsdestotrotz in dem Leben des Mädchens etwas gegeben haben, was sie dazu bewogen hat, freiwillig wegzugehen. Auch das muss man in Erwägung ziehen.

Tanja Gräff kommt aus der Gemeinde Korlingen mit 900 Einwohnern. Dort scheint ihr unerklärliches Verschwinden die Menschen zusammenzuschweißen. Solch ein soziales Gefüge ist nicht immer vorhanden.Versagt unsere Gesellschaft, sobald ein Mensch verschwindet?

Jamin: Man muss feststellen, dass es ein kollektives Versagen von Politik und Behörden gibt. Meine Recherchen haben ergeben, dass sich etwa das Bundesfamilienministerium für Vermisste nicht zuständig fühlt, das Bundesinnenministerium hat mir erst gar nicht geantwortet und eine Reihe von Städten und Gemeinden, bei denen ich angefragt habe, was sie denn tun für Vermisste oder ihre Angehörigen, haben geantwortet, das würden sie der Polizei überlassen. Die Polizei wiederum ist mit der sozialen Betreuung von Angehörigen überfordert - personell wie auch von der Ausbildung her. Die Polizei kann hier nur Erste Hilfe leisten und keinen dauerhaften sozialen Dienst anbieten.

Was schlagen Sie vor?

Jamin: Wir brauchen Vermissten-Berater in Gemeinden. Diese müssten nicht hauptberuflich tätig sein, sich aber mit dem Thema auseinander setzen und Angehörigen Vermisster Tipps geben können. Angehörige brauchen organisatorischen und seelischen Beistand.

In den USA werden Gesichter von Vermissten auf Milchtüten gedruckt, in Deutschland gibt es offenbar nicht mal einen nationalen Internet-Auftritt mit Informationen zu Vermissten.

Jamin: Wir brauchen ganz dringend einen deutschen Internetauftritt im Bereich Vermisste. Dafür ist meiner Meinung nach das Bundesfamilienministerium zuständig. Dort müssten dann endlich mal geordnet Suchbilder veröffentlicht werden. Im Moment veröffentlicht jedes Land bei den Landeskriminalämtern seine Fotos, und es gibt etliche Einzelinitiativen im Internet. Wer sich wirklich informieren will, muss 30 bis 40 Internetseiten durchforsten und hat immer noch nicht alle Informationen - das ist ein unhaltbarer Zustand. Diese Internet-Seite müsste dann zugleich ein Netzwerk-Forum für Angehörige und Suchende sein. Das kann, wie man im Fall Gräff sieht, unwahrscheinlich hilfreich sein.