Bis heute ein Pilgerziel

ST. THOMAS. Wer nach St. Johann fahren möchte, sollte ortskundig sein oder zumindest eine Karte studiert haben. Abseits der Landstraßen liegt die alte Wallfahrtsstätte im Kylltal, nördlich von St. Thomas.

Der Ort ist bis heute ein Pilgerziel geblieben, obwohl die ursprüngliche Wallfahrtskapelle nach 1803 zum Wohnhaus umgebaut und erst 1953 wieder eine neue Kapelle errichtet wurde. Die Hofanlage St. Johann ist ein Kleinod in der Landschaft der mittleren Kyll. Von hier aus überblickt man die Streuobstwiesen und die bewaldeten Hänge des Kylltals bis hinunter nach St. Thomas. 1381 wird erstmals ein Kirchlein des heiligen Johannes erwähnt, das zum Kyllburger Stift gehörte. Die Menschen kamen nach St. Johann, um vom Veitstanz geheilt zu werden. Der Veitstanz war eine Erkrankung der Nerven, die im späten Mittelalter im Trierer Raum als Volkskrankheit auftrat. Sobald das Leiden ausbrach, verloren die Betroffenen die Kontrolle über Muskeln und Bewegungsabläufe. Bei der alten Kapelle befand sich eine Einsiedelei. 1570 ist von einem Eremiten die Rede, der die Aufgaben eines Kirchenküsters und -wärters versah. Eine Quelle von 1654 nennt als Eremiten einen gewissen Laurentius Schumacher. In dieser Zeit wurde St. Johann auch zum Mittelpunkt einer Bruderschaft, die sich regelmäßig zu Ehren des heiligen Johannes des Täufers in St. Johann traf. Nachdem ein Soldat die Anlage mutwillig in Brand gesteckt hatte, ließ der Seinsfelder Schlossherr St. Johann 1754 vollständig umbauen. Aus der Eremitage wurde ein Hofhaus mit Wirtschaftsgebäuden.Kapelle wurde in ein Wohnhaus umgewandelt

Die von einer Kuppel bekrönte Kapelle war um 1800 noch intakt. Wenig später wurde sie von der französischen Regierung 1803 im Zuge der Säkularisierung zusammen mit der Hofanlage versteigert. Die Glocke kam nach St. Thomas, die Figur Johannes des Täufers gelangte in die Seinsfelder Pfarrkirche, zu deren Sprengel St. Johann kirchenrechtlich gehörte. Das Hofgut gelangte an neue Besitzer. Die Kapelle wurde in ein Wohnhaus umgewandelt, an das sich heute ein dreiflügeliger Wirtschaftshof anschließt. Das Haus selbst wurde im 19. Jahrhundert erweitert. 1843 bestand St. Johann aus zwei Wohnhäusern mit 16 Einwohnern. Um 1890 waren die Eheleute Labbé Besitzer des Hofguts. Am Wohnhaus sind noch heute Teile der alten Kapelle zu erkennen. Der Betrachter sieht den Rest eines spätgotischen Fensters und einen großen Wappenstein, die beide im Giebel vermauert sind. Das alte Kapellenportal dient heute als Hauseingang an der Ostseite des Wohnhauses. Ungeachtet der wechselhaften Geschichte, wird St. Johann auch heute noch von Wallfahrern besucht. Privatpersonen kommen mit persönlichen Anliegen, und alljährlich ist St. Johann das Ziel von Prozessionen aus St. Thomas, Usch und Zendscheid. In jüngerer Zeit ist das Gesamtbild der Hofanlage durch die Neubauten einer nahe gelegenen Siedlung beeinträchtigt worden. Das Hofgut selbst steht heute leer.