Das Abenteuer, das zum Albtraum wurde

Das Abenteuer, das zum Albtraum wurde

Kinderlandverschickung (KLV) - dieses Weltkriegskapitel ist den Betroffenen in unauslöschlicher Erinnerung geblieben. Albert Welter hat seine Erlebnisse nun in einem sehr emotionalen Buch veröffentlicht. Titel: "Verlorene Jugendzeit vor und im Weltkrieg bis 1945."

Trier-Biewer. Albert Welter ist 85. Die Erinnerungen an seine eigene Kinderlandverschickung 1943/44 haben ihn nie losgelassen. Bereits 1950 begann er damit, seine Erlebnisse aufzuschreiben, Dokumente und Fotos zu sammeln. 66 Jahre später ist er "froh, diese Arbeit endlich abgeschlossen zu haben. Es ist, als wäre mir ein Stein vom Herzen gefallen."
Besagten Abschluss bildet das Buch "Verlorene Jugendzeit vor und im Weltkrieg bis 1945", frisch erschienen im Hamburger Verlag Tredition - und alles andere als leichte Kost.

Auch für Menschen, die Wert auf durchgehend korrekte Rechtschreibung legen oder auf ein stimmiges Layout. An beidem mangelt es mitunter. Welter weiß das und seufzt: "Was sollte ich denn machen?" Bei einheimischen Verlagen ist er abgeblitzt ("Von manchen gab es nicht einmal eine Antwort"), also habe er sich einem Unternehmen für Selbstveröffentlicher anvertraut.
Wem es um den Inhalt geht, der wird von Welter durchaus gut bedient. Der in Biewer wohnende gelernte Motorbau-Ingenieur, der lange Chefkonstrukteur bei den Trierer Laeis-Werken war und sich dann selbstständig machte, zeigt auf, dass Kinderlandverschickung keine Erfindung der Nazis war. Sie wurde bereits im späten 19. Jahrhundert praktiziert, um Kinder aus sozial schwachen Familien aufzupäppeln.
Die Nazis pervertierten die Fürsorge-Idee und brachten im Zweiten Weltkrieg vor allem Schüler, aber auch Mütter mit Kleinkindern aus Großstädten in Regionen, die vor Bombenangriffen sicher waren. Dort waren die Teilnehmer militärischem Drill "Gehirnwäsche" (Welter) ausgesetzt. Zwei Millionen Kinder und Jugendliche, davon etwa 3000 aus Trier, dürften in KLV-Lagern untergebracht gewesen sein. Für mindestens sechs Monate, oft aber auch länger.
Heimat- geschichte(n)


Welters Aufenthalt in Mariazell im Süden Österreichs dauerte "endlose 18 Monate". Was wie Abenteuerferien in herrlicher Alpenlandschaft begann, entpuppte sich rasch als Albtraum, der das Heimweh bis ins Unerträgliche steigerte.
Als der TV Mitte August 2015 über Alfred Welters Recherchen zur Kinderlandverschickung berichtete, meldeten sich rund 40 Zeitzeugen bei ihm. Viele der geschilderten Erlebnisse flossen in das Buch "Verlorene Jugendzeit" mit ein. Damit leistet Welter einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung an ein Kapitel deutscher Geschichte, zu dem es nur noch wenige Originaldokumente gibt. Die meisten KLV-Unterlagen hätten die Nazis gegen Kriegsende vernichtet.
Seinem in Trier-Euren wohnenden Bruder Adolf Welter (82), der rund ein Dutzend Bücher zur Heimatgeschichte veröffentlicht hat, will Alfred Welter "nicht nacheifern. Der kann das viel besser". Doch es gibt nach der Kinderlandverschickung noch ein weiteres "Herzensprojekt", aus dem ein Buch werden soll - "Sofern mir die Zeit bleibt". Thema ist die Flucht der Familie seiner Frau 1945 aus Braunsberg/Ostpreußen mit Schlitten über die gefrorene Ostsee und dann weiter per Mistkarre gen Westen.
Das Buch "Verlorene Jugendzeit vor und im Weltkrieg bis 1945" von Albert Welter (146 Seiten, viele Schwarz-Weiß-Fotos, Hardcoverversion: 15,99 Euro) ist erschienen im Verlag Tredition (Hamburg). Bestellung über den Trierer Buchhandel. Infos bei Albert M. Welter, Im Litzelholz 50, 54293 Trier-Biewer, E-Mail:
albert.welter@arcor.de