Die Ochsen haben entschieden

Die Ochsen haben entschieden

Sieben Gemeinden bilden die Struth. Gefell, Sarmersbach, Nerdlen, Kradenbach, Neichen, Beinhausen, Boxberg. Sechs davon haben eine eigene Dorfkapelle. Doch das Herzstück jenes Landstrichs am Oberlauf der Lieser bildet die weithin sichtbare Pfarrkirche oben auf 532 Meter Bergeshöhe.

Hilgerath. Hilgerath wird sie genannt, "heilige Rodung". Und so geheimnisvoll wie ihr Name ist auch ihre Geschichte. Die Behauptung, dort habe während des Mittelalters ein Dorf mit dem Namen "Hilgenrait" gestanden, gehört in den Legendenbereich, denn bis heute beweisen dies weder Bodenfunde noch uralte Urkunden oder Steuerlisten.

Das genaue Erbauungsdatum der ersten Kirche ist unbekannt. Sicher jedoch, dass sie auf den Fundamentresten einer heidnischen Kultstätte aus vorchristlicher Zeit errichtet wurde. Dann entstand im 15. Jahrhundert ein zweiter Bau, der dem heiligen Hubertus geweiht ist.

1803 war auch dieser teilweise baufällig und musste erneuert werden. Nur der uralte Westturm aus dem Mittelalter blieb bis heute erhalten. 1950 wurde das Kirchenschiff durch einen nördlichen und südlichen Anbau erheblich vergrößert. Der Name Hilgerath ist allerdings geblieben, auch wenn sich die sieben weit auseinander liegenden Orte heute "Pfarrei Beinhausen" nennen. Traumhaft schöne Blicke hinab ins junge Liesertal und weit hinaus ins Dauner Land erlaubt die steile Höhe. Und rauschende Blätter mächtiger Bäume, die die einsame Kirche und den Friedhof umstehen, raunen von Sagen und wunderbaren Begebenheiten.

Als die zum Christentum bekehrten Struther dereinst ihre erste Kirche bauen wollten, entbrannte zwischen den Dörfern ein großer Streit, an welcher Stelle und in welchem Ort dies geschehen solle.

Endlich einigte man sich, ein Gottesurteil sollte entscheiden. Zwei junge Ochsen, die noch nie einen Wagen gezogen hatten, sollten nun vor eine mit Bauholz beladene Karre gespannt werden. Dort, wo sie stehen blieben, sollte die Kirche entstehen.

Und auf wunderbare Weise zogen die Tiere den schweren Wagen durch die Lieser, hoch den steilen Berg. Und oben auf einsamer und öder Höhe blieben die Ochsen mit ihrer schweren Last stehen. Und durch kein Antreiben, kein Peitschenschlagen, keine irdische Macht waren sie mehr zu bewegen. Nun erkannte man Gottes Fügung, beugte sich dessen unerklärlichem Ratschluss und errichtete an jenem Platz die Hilgerather Pfarrkirche.

Als die Pest während des Mittelalters nahezu die halbe Pfarrei aussterben ließ, gelobten die Überlebenden, am Sonntag nach Fronleichnam eine zweite Dank- und Bittprozession durchzuführen. Es war beeindruckend zu erleben, wie sie unter Gesang und Musikklängen durch Felder und Wälder zog. Bedingt durch Priestermangel ist dieses eindrucksvolle Gelübde nunmehr Vergangenheit.

Ein Wallfahrtsbild als Mittelpunkt



Zentraler Mittelpunkt der im Inneren an und für sich kargen und schmucklosen Kirche ist ein altes Wallfahrtsbild aus Holz aus dem 15. Jahrhundert, das die Beweinung Christi darstellt. Diese 86 Zentimeter hohe Holzstatue ist aus einem Stück gearbeitet.

Schlank ragt die Muttergottes aus der Mitte der trauernden Frauen heraus, und über die Knie des Lieblingsjüngers Johannes und der Maria Magdalena ist der Christuskörper hinweggelegt. Besonders betont und eindrucksvoll das tränennasse Gesicht von Maria Magdalena. Ein ähnliches Altarbild ist nur mehr in Bingen am Rhein zu finden.

Dieses Gnadenbild wurde eines Tages aus der Kirche gestohlen. Rund 20 Jahre blieb es verschollen. 1995 wurde sie bei einem Kunsthändler in Biberach/Riß wieder entdeckt und konnte der Mutterkirche zurück gegeben werden. Voller Freude über die Heimkehr legten die Struthbewohner ein Gelübde ab, alljährlich am zweiten Sonntag im September eine Sternwallfahrt aus den sieben Dörfern hin zu ihrer Muttergottes in ihrer Pfarrkirche auf dem Hilgerather Berg durchzuführen.