Ein ganz besonderer Vogel

Er taucht immer wieder auf, wenn irgendwo ein Windrad aufgestellt werden soll: Der Rotmilan. Etwa an der Oberen Kyll und im Prümer Land. Gefährdet der schöne Vogel die Energiewende? Ist es umgekehrt? Oder stimmt beides nicht?

Roth/Ormont/Hallschlag. Saubere Energie, Geld in der Kasse: Im Rahmen der Energiewende sollen in der Eifel demnächst weitere Windräder gebaut werden (der TV berichtete). Ein Thema ist dabei auch der Rotmilan: Der streng geschützte Greifvogel, erkennbar am rötlich-braunen Gefieder und dem gegabelten Schwanz, segelt den Gemeinden immer wieder in die Planungen hinein.
Und in die Windkraftanlagen, die bereits stehen: rund um Roth, Ormont und Hallschlag zum Beispiel. Dort drehen sich mehr als 60 Rotoren.
Den Milan bedrängen sie anscheinend nicht: Man gewinnt als Laie stattdessen den Eindruck, die Vögel machten sich einen Spaß daraus, um die Anlagen zu tanzen, so kunstvoll fliegen sie darauf zu und tauchen zwischen den Rotoren hin und her.
Nein, gestört fühlt sich der Milan nicht - das bestätigt auch Martin Hormann von der staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland in Frankfurt.
Flugkünstler mit hohem Risiko


Im Gegenteil: Rund um die Anlagen ist meist freie Fläche - perfekt für den Greifvogel, um von seinem Horst im Wald hinauszufliegen und aus der Höhe nach Futter Ausschau zu halten: Mäusen, Feldhamstern, Reptilien und anderen kleinen Tieren. Toten Vögeln oder Fledermäusen etwa, die den Verwirbelungen der Windräder zum Opfer fielen. Denn der Milan frisst auch Aas.
Perfekt also - und hochgefährlich. Man dürfe sich von den akrobatischen Aktionen der Vögel rund um die Anlagen nicht täuschen lassen, sagt Hormann: "Das geht 100 Mal gut. Und einmal nicht. Und dann ist es meistens tödlich." Im Verhältnis zu anderen Greifvögeln wie dem rund zehnmal häufigeren Mäusebussard, der das gesamte Jahr über im Land bleibt, werden Milane besonders oft von Rotoren erschlagen, sobald sie Beute erspähen und davon abgelenkt sind. Und das bringt den ohnehin knappen Bestand in Gefahr: Hormann weist darauf hin, wie selten der Vogel ist: "Es gibt weltweit etwa 20 000 bis 22 000 Brutpaare." Davon leben gut die Hälfte, die Schätzungen schwanken zwischen 10 000 und 14 000, in Deutschland. Rechne man alle Einzeltiere zusammen, seien das vielleicht 70 000 bis 80 000 - "weniger Rotmilane also, als Trier Einwohner hat", sagt Hormann. Oder etwa so viele wie die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens. Und sie sind bedroht, nicht nur von den Rotoren. Auch vom Stromschlag auf Elektromasten. Oder von Gift, das ausgestreut wird, um zum Beispiel Mäuse zu töten. Frisst der Vogel dann die Maus, ergeht es ihm genau so (siehe Extra).
Sind Windräder und Rotmilane nun also miteinander unvereinbar? Nein: "Windenergie und der Rotmilan schließen sich nicht aus", sagt Hormann. Es komme alles auf eine vernünftige Raumplanung an. Dazu gehöre etwa, dass man ja nicht gerade "an den sensibelsten Stellen" Anlagen planen müsse. Und dass man die Flächen darunter anders gestalte. Nämlich, so heißt es auch beim Naturschutzbund Nabu, "so unattraktiv wie möglich". Zugleich seien im Umfeld "viele Standorte zur Beutejagd anzubieten, sodass der Rotmilan die Nähe zu den Rotoren meidet".
"Wir haben in Rheinland-Pfalz einen naturschutzfachlichen Rahmen", sagt dazu Karl-Heinz Heine vom Forstamt Bitburg, der sich ebenfalls mit der heimischen Vogelwelt befasst. Und darin sei festgelegt, dass man zum Beispiel einen Abstand von mindestens 1500 Metern zum nächsten Milan-Horst einhalten müsse. Den Leitfaden findet man auf der Website des Landesamts für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht ( <%LINK auto="true" href="http://www.luwg.rlp.de" class="more" text="www.luwg.rlp.de"%> - unter dem Stichwort "Aufgaben").
Die Vögel, deren Spannweite rund 1,80 Meter erreicht, haben übrigens gerade ihre Brutzeit beendet - deshalb kann man in diesen Tagen so viele der beeindruckend schönen Tiere beobachten: "Die Jungen sind ausgeflogen, und sie vagabundieren jetzt in der Eifel umher", sagt Heine.
Bald ziehen sie dann weiter von ihren Nestern in der Eifel hinab nach Spanien, um dort zu überwintern - und hoffentlich zu überleben: In manchen Regionen nämlich werden sie einfach abgeschossen. Oder fallen illegalen Giftködern zum Opfer.
Zwischen 1990 und 2005, so dokumentierte es ein Artenschutzsymposion in Niedersachsen, sind vermutlich bis zu 14 500 Rotmilane auf diese Weise allein in Spanien ums Leben gekommen.Extra

Ein „milvus milvus“ kreuzt vor einem Windrad bei Ormont ... Foto: (e_pruem )
… und einer segelt seiner Beute entgegen. Foto: (e_pruem )

Der Bestand des Rotmilans (Mittel- und Südwesteuropa und Großbritannien) ist gefährdet, er geht seit den 1990er Jahren zurück. Einige Ursachen: Windräder, Strommasten, Gift, Abschüsse, die Verringerung vielfältig strukturierter Flächen durch intensivierte Landwirtschaft, Störungen im Wald durch Forstwirtschaft oder Freizeitnutzung. Laut Umweltministerium nisten in Rheinland-Pfalz 500 bis 700 Paare, viele in Westerwald, Eifel und Hunsrück. Der Rotmilan baut seinen Horst in Waldrandnähe und jagt auf dem Feld, er braucht eine abwechslungsreiche Landschaft: "Grünland, Ackerland, Wald - das sind herausragend gute Brutgebiete", sagt Martin Hormann von der Vogelschutzwarte. Seit 2002 versucht man die Zahl der Greif- und anderer Großvögel zu dokumentieren, die von Rotoren erschlagen wurden, in einer zentralen Datei bei der Vogelschutzwarte Brandenburg, bislang sind 270 getötete Milane dort erfasst. Die Dunkelziffer wird höher geschätzt, da die toten Vögel auch von anderen Tieren, etwa Füchsen, gefressen werden. Die Liste findet man unter: <%LINK auto="true" href="http://www.lugv.brandenburg.de/cms/detail.php/bb1.c.312579.de" class="more" text="www.lugv.brandenburg.de/cms/detail.php/bb1.c.312579.de"%> fpl