Fandel-Talk mit Samuel Koch in Bitburg: Weil Gott wie ein  Fall in die Schnitzelgrube ist

Einblicke – Menschen mit Geschichte und Geschichten : Fandel-Talk mit Samuel Koch in Bitburg: Weil Gott wie ein  Fall in die Schnitzelgrube ist

Ein Tag veränderte Samuel Kochs Leben komplett. Talkmaster Herbert Fandel hat mit ihm gesprochen – über Familie, Liebe und Würde.

Samuel Koch ist Samuel Koch geblieben. Ob im Rollstuhl oder auf zwei Beinen. Dabei hat sich sein Leben nach dem Unfall am 4. Dezember 2010 bei der ZDF-Show „Wetten dass“ komplett auf den Kopf gestellt. Ein dreimal zerschmetterter erster Halswirbel führte dazu, dass der damals 23-Jährige von heute auf morgen nicht mehr allein essen, trinken, die Toilette besuchen, sich waschen, Auto fahren, auf zwei Beinen durch die Welt gehen konnte. Aber er hat immer noch einen klaren Kopf – auch wenn dieser nun auf den zweiten Halswirbel gerutscht ist.

Das jedenfalls ist der Eindruck, den die 300 Gäste im proppenvollen Saal des Hauses Beda an diesem Abend leicht gewinnen können. Der Talkgast, den Helfer zuvor, wie er sagt, in einem Sessel „pseudo-machomäßig drapiert“ haben, stellt sich in der Gesprächsreihe „Einblicke – Menschen mit Geschichte und Geschichten“ den Fragen von Herbert Fandel. Offen, humorvoll, überlegt, uneitel – und eben klar. Daher steht für den 31-Jährigen auch heute noch fest: „Selbstwert definiert sich nicht darüber, was ich bin oder tue.“ Daran habe auch sein Unfall nichts geändert.

 Wenngleich er zugeben muss, dass dieses Ereignis mehr als einschneidend war. Wen wundert’s? War dieser Mann doch vor diesem 4. Dezember 2010 ein erfolgreicher Kunstturner, Stuntman und frisch gebackener Schauspielschüler in Hannover, war sein Leben doch eines, in dem Bewegung und körperliche Fitness eine zentrale Rolle spielten.

Wie er das verkraftet habe, will Fandel wissen. Dass nach dem Unfall plötzlich nichts mehr war wie vorher, dass er 24 Stunden am Tag gepflegt werden muss, nun ein Gefangener in diesem Körper ist? „Ich war immer noch ich“, sagt Koch. Er räumt aber ein, dass die körperlichen  Schmerzen und die extreme Abhängigkeit von der Hilfe anderer ihn oft an seine Grenzen brachten.

Fandel wagt verklausuliert die Frage, ob er seinem Leben ein Ende setzen wollte, nennt es „Selbstaufgabe“. Koch überlegt, lächelt, als sei er alleine, wirkt ganz in sich gekehrt – wie übrigens oft an diesem Abend. „Nein“, sagt er. Wenngleich e, zunächst mit seiner neuen Situation gehadert habe – wegen der Schmerzen, die so unteräglich waren, dass er mehrmals in Ohnmacht fiel, und der „demütigenden und ekelhaften Dinge, die man mit mir gemacht hat“. Dabei geht Koch nicht in Details, und Fandel fragt nicht danach. Aber nach der Würde. Und diese Frage beantwortet Koch mit einer Aussage eines Freundes, an der aus seiner Sicht „viel dran ist“: „Man kann sich nur antasten lassen, wenn man sich seiner Würde nicht bewusst ist.“

Ans Eingemachte geht es auch bei den Fragen, die Fandel zum Thema Glauben stellt. Haben der Unfall und die Folgen dazu geführt, dass der gebürtige Südbadener, ein von Haus aus gläubiger Mensch, mit Gott gebrochen hat? Gezweifelt habe er schon, sagt der 31-Jährige. Aber er sei nach wie vor gläubig, wenn auch anders. „Vieles hat sich relativiert in meinem Glaubensbild“, sagt er. Gott sei für ihn nicht mehr unbedingt ein behütender, sondern einer, der einen „am Nullpunkt“ Angekommenen auffange – „so ähnlich wie ein Netz oder die Schnitzelgrube, in die Kunstturner nach einem Sturz stürzen.  Sein Glaube habe sich sogar noch intensiviert, sagt Koch: „Es ist extrem schwierig zu leben, wenn man nicht an einen Sinn glaubt.“

Und diesen Sinn hat Koch immer gehabt – auch nach dem Unfall: „Ich hatte meine Eltern, meine Freunde und mein Schauspielstudium. Es war ein und dasselbe Leben – nur unter anderen Umständen.“ Daher habe ihm der Titel des ersten Buches, „Samuel Koch – Zwei Leben“, das er 2012 zusammen mit Christoph Fasel veröffentlichte, nicht gefallen. Er vergleicht den Unfall mit der Situation, als er und sein Vater sich auf dem Weg nach Bitburg verfuhren, eine Abfahrt verpassten. „Da hat das Navi gemeldet: ‚Route neu programmieren’.“ So sei es auch in seinem Leben gewesen.

Freilich, räumt er ein, habe er nach dem Unglück am 4. Dezember 2010 vieles neu entdeckt. Zum Beispiel, dass man auch ohne Bewegungsfähigkeit ein Schauspielstudium beenden und ein guter Darsteller werden kann.

Dass das gelingen würde, daran habe er zunächst Zweifel gehabt. Aber sein Professor an der Schule habe ihm bestätigt, dass er immer noch so viel Fantasie und Kreativität habe wie vor dem Unfall. Er selbst habe das nach einiger Zeit auch geglaubt, sagt Koch. „Ich habe mich einfach darauf konzentriert, was ich kann.“ Über Schauspielerei plaudern gehört offenbar dazu.

Der 31-Jährige redet wie ein Wasserfall, wenn es um seinen Beruf geht – um seine Rollen am Staatstheater Darmstadt und am Nationaltheater Mannheim, wo er aktuell arbeitet. In der Fernsehserie „Sturm der Liebe“ habe er nur mitgemacht, weil Kollege Till Schweiger ihm gesagt habe, das sei „Fließbandarbeit“, da könne man alles lernen, was man brauche.  Und manches dazugewonnen.  Denn bei den Dreharbeiten lernte er Sarah Elena Timpe kennen, die er im August 2016 heiratete und mit der er nun zusammen in Mannheim lebt. „Ich habe mir zum ersten Mal zusammen mit einer Frau Wohnungen angeschaut. Das hat es nicht gerade leicht gemacht“, sagt Koch und lacht gemeinsam mit Talkmaster Fandel und dem Publikum. Und welche Pläne hat er noch? „Viele“, sagt Koch, der sich neben seinem Beruf sozial engagiert, in Talkshows auftritt und gerade an einem neuen Buch arbeitet, das im Januar 2019 herauskommen soll. „Ich bräuchte vier Leben, um all das zu erledigen, was ich noch tun möchte“, sagt Koch.

In seiner Gesprächsreihe „Einblicke – Menschen mit Geschichte und Geschichten“ begrüßt Herbert Fandel am 4. April 2019 die Schauspielerin Marianne Sägebrecht. Karten gibt es noch nicht.

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