Nitratbelastung von Grundgewässern: "Die Bauern sind nicht alleine schuld"

Nitratbelastung von Grundgewässern: "Die Bauern sind nicht alleine schuld"

Die Nitratbelastung deutscher Grundgewässer ist so bedenklich, dass die EU-Kommission die Bundesrepublik wegen fehlender Regulierungen verklagt. Doch wer ist schuld an der Misere? Nur auf die Landwirte zu zeigen sei falsch, sagt Umweltstaatssekretär Thomas Griese bei einem Treffen mit Milchbauern in Prüm.

Prüm. Kaum lag die Klage vor, wurden im Herbst 2016 Landwirte und Viehhalter als Mitverursacher des Nitratstreits zwischen der EU-Kommission und der Bundesrepublik ausgemacht (siehe Extra). Doch wer ist wirklich verantwortlich für die hohe Belastung von Grundgewässern (siehe Hintergrund)?

"Nur den Bauern die Schuld zu geben, wäre zu vereinfacht. Letztlich hat der Bund seit vielen Jahren nicht auf die wiederholten Ermahnungen der EU zur Verschärfung der Bestimmungen reagiert", sagt der rheinland-pfälzische Umweltstaatssekretär Thomas Griese bei einer Tagung des Bundesverbands der Deutschen Milchviehhalter (BDM) in Prüm. Freilich seien sie zunächst als Verursacher auszumachen, sie brächten schließlich Nitrat in Form von Gülle oder Dünger auf ihren Flächen aus, allerdings habe der Bund schon lange die Aufgabe gehabt, für neue Regelungen zu sorgen und das einfach nicht getan. "Die Nitratrichtlinien der EU wurden bisher nicht ordentlich umgesetzt."Schwarze Schafe schneller finden


Erst mit dem Einreichen der Klage habe man in Berlin reagiert und wirklich damit begonnen, nach einem Kompromiss zu suchen, der die Nitratbelastung einschränke und gleichzeitig die Bauern nicht zu sehr belaste.
Griese ist zuversichtlich, dass das bisher in Eckpunkten vorliegende Handlungsprogramm zum Erfolg führen kann. Am wichtigsten sei vor allem ein Punkt: "Es soll eine für alle verbindliche Datenerhebung eingeführt werden - für jeden Hof." Jeder Landwirt und Viehhalter müsse in einer Datenbank detailliert festhalten, was er produziert und auf seine Flächen aufbringe.

"Schwarze Schafe werden damit schneller auffindbar." Laufe alles wie geplant, würden die Höchstwerte für Nitratausbringungen niedriger angesetzt und die Zeiten, in denen Gülle und Dünger verteilt werden dürfen, verkürzt.
Aufmerksam und geduldig folgen die Milchbauern seinen Ausführungen - keine Zwischenrufe, kein lautes Murren. In einer Fragerunde werden Details sachlich besprochen. Die Stimmung ist produktiv. "Wäre es machbar, Sperrfristen oder Abstandsregeln flexibel zu halten?", möchte BDM-Landesvorstand Kurt Kootz beispielsweise wissen.
"Unbedingt - manche Regionen sind nicht belastet, andere stark", sagt Griese, "eine bundeseinheitliche Regelung wäre kaum sinnvoll. Man muss individuell reagieren können." Für die Regeln sollten die detaillierten Belastungskarten als Grundlage dienen: "Die Grundwasserkörper halten sich nicht an Kreis- oder Gemeindegrenzen, die physikalischen Gegebenheiten müssen mit einbezogen werden."
Kootz ist nach Grieses Vortrag ebenso zufrieden mit dem Vortragenden wie mit den gut mitarbeitenden Milchbauern: "Das Thema muss in allen Facetten betrachtet werden, das war diesmal alles gut aufgearbeitet. Die konstruktive und ruhige Diskussion zeigte, dass wir auf einem sinnvollen Weg sind."Extra

Nitrat ist ein natürlicher Stoff, den Pflanzen unbedingt für ihr Wachstum benötigen. Sie nehmen die chemische Verbindung aus Stickstoff und Sauerstoff über ihre Wurzeln auf. In Form von Gülle oder Dünger wird garantiert, dass Pflanzen stets ausreichend Nitrat zur Verfügung steht. Tragen Landwirte allerdings zu viel Nitrat auf, werden die Felder oder Grünflächen übersättigt, die Pflanzen können nicht genug aufnehmen, der Stoff gerät ins Grundwasser. Für den menschlichen Körper ist Nitrat selber meist unbedenklich, Bakterien können den Stoff aber zu Nitrit umwandeln, das den Sauerstofftransport im Blut behindert und eine Gefahr für Säuglinge darstellt und unter anderem giftig für Wasserlebewesen ist. Auch können Nitrosamine gebildet werden, die wiederum krebserregend wirken können. affExtra

Thomas Griese bei seinem Vortrag in Prüm. TV-Foto: Frank Auffenberg. Foto: Frank Auffenberg (aff) ("TV-Upload Auffenberg"

Die EU-Kommission hat im Herbst 2016 Klage gegen die Bundesrepublik eingereicht, weil sie seit Jahren zu wenig gegen die Nitratbelastungen ihrer Gewässer unternimmt. Im schlimmsten Fall folgt eine Verurteilung durch den Europäischen Gerichtshof. In einem ähnlichen Fall wurde Frankreich schon verurteilt und muss bis zu drei Milliarden Euro Strafe zahlen. aff

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