Verkehrte Welt: Kraniche schon auf dem Rückflug

Verkehrte Welt: Kraniche schon auf dem Rückflug

"Verkehrte Welt" denkt sich der Neuerburger Willi Hermes, als er im Januar Kraniche im Himmel über die Eifelstadt Neuerburg ziehen sieht. Der TV hat einen Experten zur Klärung des merkwürdigen Naturphänomens befragt.

Neuerburg/Minden. Nicht glauben will der Neuerburger Willi Hermes, was er Anfang Januar - zum Glück ist es nicht die Silvesternacht - im Himmel über Neuerburg fliegen sieht. "Gerade erst sind Silvesterraketen in den Himmel gestiegen. Jetzt ein neues Phänomen am Himmel über Neuerburg", schreibt der TV-Leser der Redaktion.

Hermes schreibt von Kranichen, die er in ihrer typischen V-Formation Richtung Norden ziehen sieht. "Verkehrte Welt: Hat es das schon gegeben, dass die Kraniche schon Anfang Januar ziehen?" Er könne sich nicht an solch einen frühen Vogelzug in der Vergangenheit erinnern, schreibt Hermes. Das sei doch ein interessantes Naturphänomen. In der Tat. Denn normalerweise, als die Winter noch bitter kalt waren, so denkt man, da zog es alle Zugvögel im Herbst in den Süden und erst mit dem Frühjahr wieder zurück in den Norden. Doch was früher in der Natür Gültigkeit hatte, das habe der Klimawandel zerstört, sagt Michael Hahn, Vorsitzender der Naturschutzbundgruppe Südeifel.

Hahn: "Der Winter ist ein Trauerspiel. Es ist einfach zu warm." Normalerweise - also bei klirrender Kälte - sollten sich die Vögel nun in Südwestspanien im Landstrich Extremadura aufhalten. Doch in Neuerburg sieht man sie eh nur am Himmel. Denn ihre Heimat haben Kraniche hierzulande bloß im Norden und Osten Deutschlands. Kraniche hätten in der Vergangenheit zwar schon im Naturschutzgebiet Mürmes nahe Mehren in der Vulkaneifel Rast gemacht, sagt Hahn. Doch eigentlich gebe es für die Tiere keinen Grund in der Eifel zu landen. Hahn: "In Spanien gibt es verschiedene Seen, an denen sich die Zugvögel sicher fühlen, weil es weniger Fressfeinde gibt." Zudem ist die Extremadura derzeit ein lauschiges Plätzchen an der Sonne mit Temperaturen am Tag, die bei 15 Grad liegen.

Doch obwohl den Vögeln dort die Natur mit Eicheln und auch spanische Landwirte mit Getreide ordentlich den Urlaubstisch gedeckt haben, flattern einige Kraniche derzeit durch die kühle Eifel. Wie das? Hahn vermutet, dass nur ein kleiner Teil der Kranichpopulation Nordeuropas zurückgeflogen sei, weil die Temperaturen verhältnismäßig mild seien. Ein Blick auf die Internetseite www.kraniche.de , auf der Vogelzählungen zum Kranich aus ganz Europa veröffentlicht werden, bestätigt das. Die Daten der Vogelzähler: Noch Ende Dezember hielten sich etwa 145 000 Kraniche in den drei wichtigsten Überwinterungsgebieten in Spanien auf.

1970, so ist auf der Internetseite zu lesen, sei noch Marokko das bedeutendste Überwinterungsland der Tiere gewesen. Doch diese Zugvögel scheint es gar nicht mehr so weit weg zu ziehen. Hahn: "Wegen des milden Klimas fliegen viele Kraniche ja schon gar nicht mehr bis nach Spanien, sondern nur noch bis in die Champagne im nordöstlichen Frankreich." Wenn es nicht kälter werde, flögen die Tiere erst gar nicht weiter, sagt Hahn. Er vermutet, dass die Kraniche, die Hermes über Neuerburg gesehen hat, an einem milden Tag von Frankreich rübergemacht hätten, Genau so gut, erklärt Hahn, könne es aber auch sein, dass sie an einem kühleren Tag wieder südwärts zögen.
Also: Augen auf in Neuerburg! cmo

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